Profit und Preise
Kapitalist*innen lesen selten Marx. Die Kategorie ›Mehrwert‹ kommt in ihrer Buchhaltung nicht vor. Sie rechnen anders: Wie viel habe ich insgesamt investiert? Und wie viel kommt am Ende raus? Dass nur die Arbeitskraft Wert schafft, während die Produktionsmittel ihren Wert bloß übertragen, ist an der Oberfläche nicht sichtbar. Für die Kapitalistin sind Löhne und Materialkosten das gleiche. Beides sind bloß Ausgaben, beides geht in den ›Kostpreis‹ ein.
Die Mehrwertrate setzt den Mehrwert ins Verhältnis zum variablen Kapital: m/v. Sie misst den Grad der Ausbeutung. Die Profitrate setzt im Gegensatz dazu den Mehrwert ins Verhältnis zum gesamten eingesetzten Kapital: m/(c+v). Sie misst, was die Kapitalist*innen tatsächlich interessiert: die Rendite auf das gesamte investierte Geld.
Ein Beispiel: Ein*e Kapitalist*in gibt 30 € für konstantes Kapital und 20 € für variables Kapital aus. Am Ende wurden 20 € Mehrwert produziert. Die Mehrwertrate beträgt 20/20 = 100 %. Die Profitrate beträgt 20/(30+20) = 40 %. Die Profitrate ist immer kleiner als die Mehrwertrate, weil das konstante Kapital zusätzlich im Nenner steht, aber keinen Mehrwert produziert.
Mehrwertrate = m/v – Verhältnis von Mehrwert zu variablem Kapital. Misst den Grad der Ausbeutung.
Profitrate = m/(c+v) – Verhältnis von Mehrwert zu Gesamtkapital. Misst die Rendite auf die Gesamtinvestition.
Die Profitrate kann auch wachsen, wenn beim konstanten Kapital gespart wird. Sinkt c von 30 auf 20 €, bleibt m/v = 100 %, aber die Profitrate steigt von 40 % auf 50 %.
Die organische Zusammensetzung des Kapitals beschreibt das Verhältnis von konstantem zu variablem Kapital. In einem Betrieb mit vielen Maschinen und wenig Arbeitenden ist sie hoch. In einem Betrieb mit wenig Maschinen und vielen Arbeitenden ist sie niedrig.
Theoretisch müsste ein Betrieb mit niedrigerer organischer Zusammensetzung eine höhere Profitrate erzielen. Das wäre logisch, weil ein größerer Anteil des Kapitals in die wertschöpfende Arbeitskraft fließt. Tatsächlich zeigt eine einfache Rechnung, dass bei gleicher Mehrwertrate die Profitrate sinkt, wenn der Anteil des konstanten Kapitals steigt.
In der Realität beobachtete Marx aber keine stark unterschiedlichen Profitraten zwischen Branchen, sondern eine Tendenz zur Angleichung. Marx erklärt das durch die Bewegung des Kapitals: Kapitalist*innen investieren da, wo die Profitrate hoch ist. Dadurch wächst in diesen Branchen die Konkurrenz, die Produktion steigt über die Nachfrage, die Preise fallen. Damit fällt auch die Profitrate. Gleichzeitig fließt Kapital aus Branchen mit niedriger Profitrate ab, was dort das Angebot verringert und die Preise steigen lässt.
Durch dieses ständige Fließen bildet sich tendenziell eine Durchschnittsprofitrate. Tendenziell, weil dieses Gleichgewicht nie wirklich erreicht wird. Marx nennt die Durchschnittsprofitrate ein »verschwimmendes Nebelbild«: ein Punkt, dem sich die Realität annähert, ohne ihn je zu treffen.
Die Durchschnittsprofitrate verändert den Preis der Waren. Der Warenwert ist c + v + m. Aber auf dem Markt zählt nicht der individuelle Mehrwert eines einzelnen Betriebs. Was zählt, ist der Durchschnittsprofit, der sich aus der allgemeinen Profitrate ergibt.
Marx nennt das den Produktionspreis: Kostpreis (c + v) plus Durchschnittsprofit (Gesamtkapital × Durchschnittsprofitrate).
Produktionspreis = c + v + (K × p')
Die Marktpreise, die Konsumenten tatsächlich zahlen, schwanken um den Produktionspreis. Ist die Nachfrage größer als das Angebot, liegt der Marktpreis über dem Produktionspreis. Ist das Angebot größer als die Nachfrage, liegt er darunter.
Zusammenfassung
- Kapitalistinnen rechnen in Profitraten (m/(c+v)), nicht in Mehrwertraten (m/v).
- Die organische Zusammensetzung (Verhältnis c zu v) beeinflusst die Profitrate: Je höher der Anteil des konstanten Kapitals, desto niedriger tendenziell die Profitrate.
- Durch die Bewegung des Kapitals bildet sich tendenziell eine Durchschnittsprofitrate.
- Waren werden nicht zu ihren Werten, sondern zu Produktionspreisen ausgetauscht: Kostpreis plus Durchschnittsprofit.
- Der Wert bleibt die Grundlage: Nur was insgesamt an Mehrwert produziert wurde, kann als Profit verteilt werden.
