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Glossar

A

Akkumulation

Akkumulation des Kapitals bezeichnet das ständige Wachstum von Kapital durch die Aneignung und Reinvestition des Mehrwerts. Kapitalist*innen verwenden erzielte Gewinne nicht primär zum Konsum, sondern investieren sie erneut in Produktionsmittel und Arbeitskräfte, um noch mehr Mehrwert zu erzeugen. Marx beschreibt diesen Prozess als einen kreislaufförmigen Bewegungsablauf: Geld wird investiert, um Waren zu kaufen, die im Produktionsprozess zu mehr Geld führen. Entscheidend ist dabei, dass sich das ursprünglich eingesetzte Geld vermehrt. Eine Investition gilt nur dann als erfolgreich, wenn sie Mehrwert hervorbringt. Kapitalakkumulation unterscheidet sich von einfacher Warenzirkulation dadurch, dass sie kein äußeres Ziel hat, etwa die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Verwertung von Wert wird selbst zum Selbstzweck. Kapital muss wachsen, um Kapital zu bleiben. Dieser Prozess ist daher potenziell grenzenlos und treibt die fortlaufende Ausdehnung kapitalistischer Produktion an.

Alltagsverstand

Der Begriff des Alltagsverstands bei Gramsci (ital. senso comune) benennt das unsystematische Weltbild, das Menschen im Alltag tragen, eine widersprüchliche Ablagerung aus Religion, Sprichwörtern, Wissenschaftsbrocken und den Spuren vergangener Hegemonien. Laut Gramsci ist es bizarr zusammengesetzt und darin finden sich Steinzeit und moderne Physik nebeneinander. Entsprechend ist jeder Mensch ein*e Philosoph*in, nur st diese ›Philosophie‹ ohne Kohärenz. An ihm setze die Hegemonie an: Herrschaft werde stabil, wenn sie sich im Alltagsverstand als das Selbstverständliche einnistet. Gegenhegemonie beginne dann nicht mit der Belehrung von außen, sondern mit der kritischen Bearbeitung des gesunden Kerns, den Gramsci buon senso nennt.

Arbeiter*innenklasse

Die Klasse der Menschen, die keine Produktionsmittel besitzen und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an Kapitalisten zu verkaufen. Marx nennt sie »doppelt frei«: rechtlich frei, aber auch frei von Besitz. Sie erhalten Lohn, schaffen jedoch im Produktionsprozess mehr Wert, als sie bezahlt bekommen. Der Begriff ›Proletariat‹ betont die Besitzlosigkeit und umfasst auch Menschen, die nicht direkt für Lohn arbeiten. Die Arbeiter*innenklasse ist der Teil der Proletariats, die ihre Arbeitskraft für Lohn verkauft.

Arbeitskraft

Arbeitskraft bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen zu arbeiten. Im Kapitalismus wird sie zur Ware: Lohnarbeiter*innen verkaufen ihre Arbeitskraft an Kapitalist*innen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Marx versteht darunter die körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die Menschen im Arbeitsprozess einsetzen. Der Wert der Arbeitskraft bestimmt sich nicht direkt durch die geleistete Arbeit, sondern durch die Kosten ihrer Reproduktion. Dazu gehören die Lebenshaltungskosten, historisch gewachsene moralische Vorstellungen sowie Errungenschaften von Klassenkämpfen, etwa Arbeitszeitregelungen oder soziale Sicherungssysteme. Kapitalist*innen kaufen Arbeitskraft und setzen sie im Produktionsprozess ein. Dabei lassen sie Arbeiter*innen länger arbeiten, als nötig wäre, um das eigene Einkommen zu erzeugen. Die Differenz zwischen dem geschaffenen Wert und dem gezahlten Lohn bildet den Mehrwert, den sich die Kapitalist*innen aneignen.

Ausbeutung

Ausbeutung bezeichnet bei Marx das Verhältnis, in dem Arbeiter*innen mehr Wert erzeugen, als sie selbst als Lohn erhalten. Im Arbeitsprozess leisten sie zunächst die notwendige Arbeit, die dem Wert ihres Lohns entspricht. Darüber hinaus arbeiten sie jedoch weiter und schaffen Mehrwert, den sich die Kapitalist*innen aneignen. Diese zusätzliche, unbezahlte Arbeitszeit nennt Marx Mehrarbeit. Wenn jemand z. B. 8 Stunden arbeitet, aber nur 4 Stunden nötig sind, um den eigenen Lohn zu erwirtschaften, dann sind die übrigen 4 Stunden Mehrarbeit. In dieser Zeit wird Wert produziert, der nicht den Arbeiter*innen, sondern den Eigentümern der Produktionsmittel zufällt. Ausbeutung ist für Marx kein individuelles Fehlverhalten einzelner Kapitalist*innen, sondern ein strukturelles Verhältnis des Kapitalismus. Sie ist möglich, weil Kapitalist*innen die Produktionsmittel besitzen, während Arbeiter*innen nur ihre Arbeitskraft verkaufen können. Lohnarbeit in kapitalistischen Verhältnissen ist daher immer auch ein Ausbeutungsverhältnis.

absoluter Mehrwert

Absoluter Mehrwert entsteht durch die Verlängerung oder Intensivierung des Arbeitstags bei gleichbleibender Produktivität. Arbeiter*innen leisten mehr Mehrarbeit, ohne dass sich die Bedingungen der Produktion wesentlich verändern. Diese Form war im frühen Kapitalismus weit verbreitet, etwa bei sehr langen Arbeitstagen. Aktuell wird diskutiert, ob der absolute Mehrwert wieder an Bedeutung gewinnt. Falls ja, könnte dies die Produktivitätssteigerung bremsen und den Kapitalismus stärker auf intensive Ausbeutung der Arbeitskräfte ausrichten. Gegenbegriff: Relativer Mehrwert

abstrakte Arbeit

Abstrakte Arbeit ist die von allen konkreten Merkmalen befreite, rein menschliche Arbeitsleistung. Sie bildet im Kapitalismus die Substanz des Werts. Unterschiedlichste Tätigkeiten (z. B. Nähen, Programmieren) werden auf abstrakte Arbeit reduziert und gelten als qualitativ gleich. Uneinigkeit herrscht darüber, wo diese Abstraktion stattfindet: Für die einen geschieht sie bereits in der Produktion und wird im Austausch nur noch realisiert. Für die anderen entsteht sie erst im Austausch, wenn Produkte miteinander verglichen und gleichgesetzt werden. Gegenbegriff: Konkrete Arbeit

Arbeitswerttheorie

abstrakte Herrschaft

Moishe Postone bezeichnet mit abstrakter Herrschaft die Besonderheit kapitalistischer Macht. Beherrscht werden die Menschen nicht in erster Linie von anderen Menschen, sondern von den abstrakten gesellschaftlichen Formen, die ihre eigene Arbeit konstituiert, vom Wert und von der abstrakten Zeit, die als Norm hinter jedem Arbeitstag steht. In ›Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft‹ wendet Postone das gegen den ›traditionellen Marxismus‹, der die Arbeit vom Standpunkt der Arbeit aus kritisierte und Emanzipation als ihre Befreiung dachte. Für Postone ist aber die wertkonstituierende Arbeit selbst das Problem. Emanzipation hieße demnach, diese abzuschaffen. Der Begriff wirkte auf die deutsche Wertkritik und auf die Antisemitismustheorie, die den modernen Antisemitismus als fetischisierten Antikapitalismus deutet. Am Konzept wird kritisiert, dass Klassenverhältnis und konkrete Ausbeutung hinter der Formanalyse zurückträten.

B

Basis und Überbau

Basis und Überbau sind ein Modell zur Beschreibung der Gesellschaftsstruktur. Die Basis umfasst die ökonomische Grundlage: Produktivkräfte (Technik, Arbeitsmittel, Arbeitskraft, Organisation) und Produktionsverhältnisse (Eigentums- & Klassenverhältnisse). Der Überbau besteht aus Staat, Recht, Politik, Ideologien und Kultur. Die Basis prägt den Überbau, der wiederum auf die Basis zurückwirkt. Eine kapitalistische Basis formt Politik, Kultur und Recht nach der kapitalistischen Logik. Das Modell wird innerhalb der marxistischen Bewegung diskutiert, doch der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Gesellschaft bleibt zentral.

Bourgeoisie

Die Bourgeoisie bezeichnet bei Marx die Klasse der Kapitalist*innen, die die Produktionsmittel besitzen und Lohnarbeit einkaufen. Sie beschäftigen Arbeiter*innen, um Waren oder Dienstleistungen zu produzieren und dabei Mehrwert zu erzielen. Marx und Engels beschreiben die Bourgeoisie im Kommunistischen Manifest als Eigentümer der Produktionsmittel und Arbeitgeber der Lohnarbeiter*innen. Ihr Reichtum beruht darauf, dass sie Arbeitskraft kaufen und im Produktionsprozess mehr Wert erzeugen lassen, als sie als Lohn bezahlen. Historisch entstand die Bourgeoisie mit dem Aufstieg des Kapitalismus. Sie spielte eine zentrale Rolle beim Sturz der feudalen Ordnung, der Ausweitung des Handels und der Entstehung globaler Märkte. Im Kapitalismus bildet sie jedoch die herrschende Klasse, da sie die Produktionsmittel kontrolliert und sich den von Arbeiter*innen geschaffenen Mehrwert aneignet.

E

Entfremdung

Entfremdung bezeichnet bei Marx in seinen Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 einen Zustand, in dem Menschen ihre Arbeit als fremdbestimmt und nicht erfüllend erleben. Im Kapitalismus verkaufen Arbeiter*innen ihre Arbeitskraft, um zu überleben, und verlieren dabei die Kontrolle über ihre eigene Tätigkeit. Marx unterscheidet mehrere Dimensionen der Entfremdung: Arbeiter*innen sind vom Produkt ihrer Arbeit entfremdet, da es ihnen nicht gehört, sondern den Kapitalist*innen. Sie sind vom Arbeitsprozess entfremdet, weil dieser von außen organisiert und kontrolliert wird. Zudem sind sie von sich selbst entfremdet, da sie ihre Fähigkeiten nicht frei entfalten, sondern ihre Arbeit nur als Mittel zum Überleben ausführen. Schließlich sind sie auch von anderen Menschen entfremdet, da soziale Beziehungen zunehmend durch Konkurrenz und ökonomische Zwänge geprägt sind. Diese Formen der Entfremdung hängen eng mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln zusammen. Weil Arbeiter*innen keine eigenen Produktionsmittel besitzen, sind sie gezwungen, für andere zu arbeiten. So wird Arbeit zu einem Zwang und die Ergebnisse der eigenen Tätigkeit erscheinen als etwas Fremdes. Einige marxistische Ansätze kritisieren den Entfremdungsbegriff, weil er von einem bestimmten „Wesen des Menschen“ ausgeht und damit normativ aufgeladen ist.

G

Gebrauchswert

Der Gebrauchswert beschreibt, wozu ein Ding nützlich ist (Brot nährt, ein Hammer schlägt Nägel ein). Er steckt in den stofflichen Eigenschaften eines Produkts. Er existiert unabhängig von der Gesellschaftsform: Auch ohne Geld und Märkte würde Brot satt machen. Gebrauchswert ist keine ökonomische Kategorie, sondern beschreibt einfach, dass Dinge Bedürfnisse befriedigen. Gegenbegriff: Tauschwert

Arbeitswerttheorie

gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit

Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bezeichnet die Zeit, die unter den aktuell gegebenen technischen und sozialen Bedingungen erforderlich ist, um eine Ware herzustellen. Sie meint dabei nicht die individuelle Arbeitszeit einzelner Betriebe, sondern den gesellschaftlichen Durchschnitt. Diese Arbeitszeit dient bei Marx als quantitativer Maßstab für den Wert einer Ware. Je weniger gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für die Produktion einer Ware aufgebracht werden müsste, desto geringer ist ihr Wert – und umgekehrt. Unternehmen, die produktiver/effizienter als der Durchschnitt arbeiten, benötigen weniger Arbeitszeit pro Ware und können dadurch Zusatzprofite erzielen. Umstritten ist, wie genau dieser gesellschaftliche Durchschnitt empirisch zu bestimmen ist, da er sich laufend verändert.

Arbeitswerttheorie

I

Informelle Arbeit

Informelle Arbeit bezeichnet bezahlte Tätigkeiten außerhalb offizieller staatlicher Regulierung – etwa Straßenhandel, Gelegenheitsarbeit oder Schwarzarbeit. Sie findet ohne formale Arbeitsverträge, Sozialversicherung oder arbeitsrechtlichen Schutz statt. Weltweit arbeiten sehr viele Menschen informell, besonders in der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems, aber auch in den Zentren. Informelle Arbeit bietet oft nur ein kurzfristiges oder unsicheres Einkommen und ist mit schwankenden Löhnen, prekären Arbeitsbedingungen und fehlender sozialer Absicherung verbunden. Informelle Arbeit sichert Einkommen ohne Rechte: Sie entzieht Arbeiter*innen Schutz und stabilisiert zugleich kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse. In einigen marxistischen Ansätzen wird informelle Arbeit nicht nur als Randphänomen verstanden, sondern als Bestandteil kapitalistischer Produktionsweisen. Sie senkt Lohnkosten, erhöht die Flexibilität der Ausbeutung und dient häufig als Reserve oder Ergänzung zur formellen Lohnarbeit. Informelle Arbeit kann sowohl direkt Mehrwert erzeugen als auch indirekt dazu beitragen, Löhne und Arbeitsstandards insgesamt zu drücken.

K

Kapital

Bei Marx bezeichnet Kapital vor allem eines: Wert, der sich im Produktionsprozess vermehrt. Das heißt meistens, dass Geld eingesetzt wird, um am Ende mehr Geld herauszubekommen. Kapitalist*innen investieren dafür das Geld in Arbeitskraft und Produktionsmittel. Im Produktionsprozess wird dann Mehrwert produziert – also zusätzlicher Wert über den ursprünglich eingesetzten hinaus. Kapital tritt in verschiedenen Formen auf: Als Geldkapital, Produktives Kapital (Maschinen, Rohstoffe und Arbeitskraft) und Warenkapital. Diese Formen sind verschiedene Zustände des Kapitals, das sich ständig bewegt, um seinen Wert zu vergrößern. Diese Verwertung ist zugleich ein gesellschaftliches Verhältnis. Sie setzt voraus, dass einige Menschen die Produktionsmittel besitzen und andere gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Kapitalist*innen können Kapital verwerten, weil ihnen die Produktionsmittel gehören; Lohnarbeiter*innen produzieren im Arbeitsprozess mehr Wert, als sie in Form von Lohn erhalten. Dieser unbezahlte Teil – der Mehrwert – bildet die Grundlage kapitalistischer Profite.

Klassenkampf

Ein Klassenkampf existiert, wenn gesellschaftliche Klassen gegensätzliche materielle Interessen haben. Im Kapitalismus steht dabei vor allem der Konflikt zwischen Bourgeoisie und Proletariat im Zentrum. Marx versteht den Klassenkampf als Motor der Geschichte, durch den sich gesellschaftliche und ökonomische Verhältnisse verändern. Die Bourgeoisie besitzt die Produktionsmittel und kauft Lohnarbeit ein, ohne selbst produktiv arbeiten zu müssen. Das Proletariat – ein Begriff, der die Besitzlosigkeit betont – umfasst jene, die keine Produktionsmittel haben und daher gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Als Arbeiter*innen sind sie rechtlich frei, schaffen im Produktionsprozess jedoch mehr Wert, als sie als Lohn erhalten. Aus diesem strukturellen Gegensatz entsteht Klassenkampf, der sich ökonomisch (z. B. Streiks), politisch (z. B. Gewerkschaften, Parteien) und ideologisch (z. B. Deutungshoheit) äußert. Neben dem zentralen Konflikt zwischen Bourgeoisie und Proletariat gibt es auch Auseinandersetzungen zwischen anderen Klassen oder innerhalb von Klassen und Klassenfraktionen.

Kolonialismus

Kolonialismus bezeichnet die gewaltförmige politische und wirtschaftliche Herrschaft über fremde Gebiete, mit dem Ziel, Land, Rohstoffe und Arbeitskraft auszubeuten – von Handelsstützpunkten über Ausbeutungskolonien bis zu Siedlungskolonien. Europäische Mächte begannen ab dem 15. Jahrhundert, große Teile der Welt zu erobern und kolonial zu beherrschen. Mit der Expansion von Ländern wie Spanien, Großbritannien und später auch Deutschland wurden Regionen in Amerika, Afrika und Asien gewaltsam in den sich entwickelnden Weltmarkt eingebunden. Dabei spielten die Versklavung von Menschen, Zwangsarbeit und die systematische Ausbeutung von Ressourcen eine zentrale Rolle. Die Aneignung im Kolonialismus spielte eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Kapitalismus. Sie ermöglichte es den kapitalistischen Zentren, Reichtum und Kapital anzuhäufen, neue Arbeitsformen durchzusetzen und ihre Produktion auszuweiten. Ohne koloniale Ausbeutung wäre der heutige Wohlstand vieler kapitalistischer Länder kaum denkbar. Vom Imperialismus unterscheidet sich der Kolonialismus durch die territoriale Herrschaftsform. Ökonomische Abhängigkeit überlebt sie, wie der Neokolonialismus zeigt. Das koloniale Erbe wirkt bis heute fort: Globale Ungleichheiten, ungleicher Tausch & wirtschaftliche Abhängigkeiten prägen weiterhin die Weltordnung. Auch politische Maßnahmen wie Strukturanpassungsprogramme tragen dazu bei, diese Verhältnisse zu stabilisieren.

konkrete Arbeit

Konkrete Arbeit ist die sinnlich-stoffliche, zweckgebundene Tätigkeit wie Nähen oder Programmieren, die Gebrauchswerte schafft. Gegenbegriff: Abstrakte Arbeit

Arbeitswerttheorie

L

Lohnarbeit

Lohnarbeit ist Arbeit, die nicht dem eigenen Bedarf dient, sondern gegen Lohn an eine*n Arbeitgeber*in verkauft wird. Im Kapitalismus ist sie die vorherrschende Arbeitsform: Arbeiter*innen verkaufen ihre Arbeitskraft und erhalten dafür einen Lohn. Dieses scheinbar freie Vertragsverhältnis zwischen Arbeiter*in und Kapitalist verdeckt ein Ausbeutungsverhältnis. Besitzlose sind gezwungen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können. Dabei schaffen sie mehr Wert, als sie als Lohn erhalten – und reproduzieren so die Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Lohnarbeit ist die Quelle des Mehrwerts und macht Arbeiter*innen ökonomisch abhängig. Der Arbeitsprozess bleibt weitgehend fremdbestimmt, weil Kapitalist*innen über Produktionsmittel, Ablauf und Ziel der Arbeit verfügen. Historisch setzte sich Lohnarbeit mit dem Aufstieg des Kapitalismus durch – unter anderem durch Enteignungen und gesetzliche Zwangsmaßnahmen (sogenannte ursprüngliche Akkumulation).

lebendige Arbeit

Marx unterscheidet zwischen lebendiger und toter Arbeit, um den Produktionsprozess im Kapitalismus zu analysieren. Beide sind notwendig für die Produktion, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen. Lebendige Arbeit ist die aktuelle Verausgabung von Arbeitskraft im Produktionsprozess. Sie bezeichnet die Tätigkeit von Arbeiter*innen, also das konkrete Arbeiten im Hier und Jetzt. Nur sie schafft neuen Wert und damit Mehrwert. Gegenbegriff: tote Arbeit

Arbeitswerttheorie

M

Mehrarbeit

Mehrarbeit bezeichnet die Arbeitszeit, die über das Maß hinausgeht, das zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendig ist. Arbeiter*innen leisten zunächst notwendige Arbeit – also jene Arbeitszeit, die dem Wert ihres Lohns entspricht. Darüber hinaus arbeiten sie unbezahlt für den Kapitalist*innen. Diese zusätzliche Arbeitszeit ist die Mehrarbeit. In ihr entsteht der Mehrwert: der Überschuss an Wert, den Arbeiter*innen im Produktionsprozess schaffen, über das hinaus, was sie als Lohn erhalten. Dieser Mehrwert bildet die Grundlage des Profits im Kapitalismus. Ein einfaches Beispiel: Arbeitet jemand 8 Stunden, benötigt aber nur 4 Stunden, um den eigenen Lohn zu erwirtschaften, dann sind die übrigen 4 Stunden Mehrarbeit. In dieser Zeit wird Wert produziert, der nicht den Arbeiter*innen, sondern den Kapitalist*innen zufällt. Mehrarbeit ist damit die Grundlage der Ausbeutung. Das Verhältnis von Mehrarbeit zur notwendigen Arbeit bezeichnet Marx als Mehrwertrate.

Mehrwert

Mehrwert ist die Differenz zwischen dem Wert, den die Arbeitskraft im Produktionsprozess neu schafft, und dem Wert, den das Kapital für sie bezahlt. Er entsteht in der Produktion und ist auch ganz ohne Betrug oder teures Verkaufen möglich. Dieser Mehrwert wird vom Kapitalisten angeeignet und bildet die Grundlage des Profits im Kapitalismus. Den Grad der Ausbeutung misst die Mehrwertrate, das Verhältnis von Mehrarbeit zu notwendiger Arbeit. Absoluter Mehrwert entsteht durch Verlängerung des Arbeitstags, relativer Mehrwert durch Produktivkraftsteigerung, die die Reproduktionskosten der Arbeitskraft senkt. Profit, Zins und Grundrente sind für Marx verwandelte Formen, unter denen sich Fraktionen der kapitalistischen Klasse den Mehrwert teilen. Der Begriff steht also im Zentrum der Ausbeutungsanalysen des gesamten Kapitals.

N

Neue Internationale Arbeitsteilung

Die Neue internationale Arbeits-teilung bezeichnet die seit den 1970er-Jahren zunehmende Verlagerung arbeitsintensiver Produktionsschritte in Niedriglohnländer. Konzerne nutzen dabei weltweite Lohn- und Kostenunterschiede, während Forschung, Unternehmenszentralen, Finanzkapital und andere besonders profitable Bereiche überwiegend im kapitalistischen Zentrum verbleiben. Dadurch entstehen globale Wertschöpfungsketten, in denen einzelne Produktionsschritte auf verschiedene Länder verteilt werden. Viele Länder der Peripherie wurden dadurch stärker industrialisiert, übernehmen jedoch häufig die arbeitsintensiven und schlechter bezahlten Teile der Produktion, während der größte Teil der Gewinne in Ländern des globalen kapitalistischen Zentrums verbleibt. Marxistische und dependenztheoretische Ansätze sehen darin eine Form globaler Arbeitsteilung, die koloniale Abhängigkeiten fortschreibt. Sie ist eng mit ungleichem Tausch verbunden und ermöglicht es Unternehmen, von niedrigen Löhnen, schwächeren Arbeitsrechten und der günstigen Nutzung natürlicher Ressourcen zu profitieren.

P

Produktionsmittel

Produktionsmittel sind die Mittel, die zur Herstellung von Waren und Dienstleistungen benötigt werden. Dazu gehören etwa Werkzeuge, Maschinen, Gebäude, Infrastruktur, Rohstoffe und Land. Im Kapitalismus befinden sich die Produktionsmittel überwiegend im Eigentum einer vergleichsweise kleinen Klasse von Kapitalist*innen. Die Mehrheit der Menschen besitzt dagegen keine oder nur wenige Produktionsmittel und ist deshalb darauf angewiesen, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Dieser Unterschied im Eigentum bildet für Marx die Grundlage der Klassenstruktur des Kapitalismus. Wer Produktionsmittel besitzt, kann über Produktion, Investitionen und Arbeitsbedingungen entscheiden. Eigentum an Produktionsmitteln bedeutet daher nicht nur wirtschaftlichen Reichtum, sondern auch gesellschaftliche Macht. Marxist*innen kritisieren die private Verfügung über Produktionsmittel und treten häufig dafür ein, sie in gesellschaftliches, staatliches oder genossenschaftliches Eigentum zu überführen. Ziel ist es, dass die Produktion stärker an gesellschaftlichen Bedürfnissen statt an privater Profitmaximierung ausgerichtet wird.

Produktivkräfte & Produktionsverhältnisse

Produktivkräfte umfassen alles, was die Produktivität der Arbeit bestimmt, also Arbeitskräfte, Werkzeuge, Maschinerie, Wissenschaft und Kooperationsformen. Produktionsverhältnisse sind die Verhältnisse, die Menschen in der Produktion eingehen, vor allem das Eigentum an den Produktionsmitteln und die Verfügung über das Mehrprodukt. Ein Beispiel ist das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital im kapitalistischen Produktionsverhältnis: Kapitalist*innen besitzen Produktionsmittel und kaufen Arbeitskraft, Arbeiter*innen verkaufen ihre Arbeitskraft. Marx schrieb, dass die Produktivkräfte auf einer gewissen Stufe in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen geraten, dich sich dann aus Entwicklungsformen in Fesseln verwandeln. Dann beginnt eine Epoche sozialer Revolution. Unter Marxist*innen wird darüber immer wieder gestritten. G. A. Cohen verteidigte etwa den Primat der Produktivkräfte, der Politische Marxismus um Robert Brenner dreht das Verhältnis um und erklärt die Produktivkraftentwicklung aus den Eigentumsverhältnissen. Andere bezweifeln zusätzlich, dass Produktivkraftsteigerung umstandslos als Fortschritt gelten kann oder dass ein besonderer Zusammenhang bestehe.

R

Reproduktionsarbeit

Reproduktionsarbeit umfasst Tätigkeiten wie Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege und emotionale Unterstützung, die das tägliche Leben sichern und die Arbeitskraft erhalten und erneuern. Dazu zählen etwa Kochen, Putzen, Kinder betreuen oder sich um Kranke kümmern. Diese Arbeit ist meist unbezahlt, findet häufig im Privaten statt und wird gesellschaftlich oft unsichtbar gemacht. In der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaft wird sie überwiegend von Frauen geleistet und geringgeschätzt, obwohl sie eine zentrale Voraussetzung dafür ist, dass Lohnarbeit überhaupt möglich ist. Feministische Ansätze betonen, dass Reproduktionsarbeit die Grundlage kapitalistischer Produktion bildet. Besonders in Krisenzeiten wird sie verstärkt auf Familien und Individuen abgewälzt, während staatliche oder kollektive Absicherung zurückgebaut wird.

relativer Mehrwert

Relativer Mehrwert entsteht durch einen Produktivitätszuwachs. Durch technischen Fortschritt, bessere Organisation oder neue Maschinen sinkt die notwendige Arbeitszeit, während die Gesamtarbeitszeit gleich bleibt. Dadurch wächst der Anteil der Mehrarbeit, ohne dass der Arbeitstag verlängert wird. Diese Form treibt den technischen Fortschritt im Kapitalismus an. Gegenbegriff: Absoluter Mehrwert

S

Subsistenz

Subsistenzarbeit bezeichnet die Produktion von Gütern und Dienstleistungen für den eigenen Bedarf statt für den Markt. Dazu zählen etwa Selbstversorgung, Hausgärten, gemeinschaftliche Landwirtschaft oder unbezahlte Tätigkeiten im Haushalt. Subsistenzarbeit steht damit außerhalb oder am Rand der Warenproduktion. Feministische und ökologische Ansätze betonen, dass sie Menschen teilweise unabhängiger von Markt, Lohnarbeit und kapitalistischen Krisen machen kann. Sie wird deshalb teils als Form von Selbstbestimmung oder Widerstand gegen vollständige Marktabhängigkeit verstanden. Gleichzeitig kann Subsistenzarbeit auch mit eigenen Abhängigkeiten und Belastungen verbunden sein, besonders wenn sie ungleich verteilt oder mit Armut verbunden ist. Zudem nutzt der Kapitalismus Subsistenzarbeit oft indirekt mit: Wenn Menschen einen Teil ihrer Versorgung selbst organisieren, können Löhne und soziale Ausgaben niedriger gehalten werden.

T

Tauschwert

Der Tauschwert drückt das Verhältnis aus, in dem verschiedene Waren gegeneinander getauscht werden (etwa fünf Brote gegen einen Hammer). Damit es überhaupt möglich ist, dass zwei völlig unterschiedliche Dinge (wie Brot und Hammer) vergleichbar sind, muss ihnen etwas gemeinsam sein. Dieses Gemeinsame ist laut Marx der Wert, dessen Substanz die abstrakte menschliche Arbeit ist und der als gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gemessen wird. Gegenbegriff: Gebrauchswert

Arbeitswerttheorie

tote Arbeit

Marx unterscheidet zwischen lebendiger und toter Arbeit, um den Produktionsprozess im Kapitalismus zu analysieren. Beide sind notwendig für die Produktion, erfüllen aber unterschiedliche Funktionen. Tote Arbeit ist vergangene Arbeit, die in Produktionsmitteln ›gespeichert‹ ist: etwa in Maschinen, Werkzeugen, Gebäuden oder Rohstoffen. Diese Arbeit ist ›geronnen‹, weil sie nicht mehr aktiv geleistet wird, sondern als bereits hergestelltes Mittel vorliegt. Sie schafft keinen neuen Wert, sondern überträgt nur den bereits vorhandenen auf die produzierten Waren. Wenn z. B. eine Maschine in der Produktion eingesetzt wird, gibt sie ihren Wert schrittweise an die hergestellten Produkte ab, während die Arbeiter*innen durch ihre lebendige Arbeit zusätzlichen Wert schaffen. Im Kapitalismus nimmt tote Arbeit die Form von Kapital an und tritt den Arbeiter*innen als fremde Macht gegenüber. Marx beschreibt das als ein Verhältnis, in dem tote Arbeit die lebendige Arbeit beherrscht: Die bereits angehäuften Produktionsmittel bestimmen, wie, was und unter welchen Bedingungen gearbeitet wird. Gegenbegriff: lebendige Arbeit

Arbeitswerttheorie

U

Ungleicher Tausch

Arghiri Emmanuel bezeichnete mit dem ungleichen Tausch einen verborgenen Werttransfer im Welthandel. Kapital ist international mobil und gleicht die Profitraten an, Arbeitskräfte sind es nicht und die Lohnunterschiede zwischen Zentrum und Peripherie sind institutionell verfestigt. Tauschen beide zu Produktionspreisen, gibt die Peripherie mehr Arbeit her, als sie zurückerhält. Der Transfer läuft durch die normalen Preise. Emmanuel behandelte den Lohn dabei als unabhängige Variable, was Charles Bettelheim ihm entgegenhielt, denn so verschiebe sich die Ausbeutung von der Klasse auf die Nation. Samir Amin baute den Mechanismus in seine Theorie der weltweiten Akkumulation ein und die neuere Forschung beziffert die Transfers empirisch. Ungleicher Tausch betrifft nicht nur Arbeit, sondern auch ökologische Kosten. Die Ausbeutung von Natur und Ressourcen in der Peripherie wird im Welthandel oft nicht angemessen berücksichtigt. Globale Ungleichheit wird dadurch auch innerhalb des scheinbar freien Handels fortgeschrieben.

ursprüngliche Akkumulation

Die ›sogenannte ursprüngliche Akkumulation‹ bezeichnet bei Marx den gewaltvollen Entstehungsprozess des Kapitalismus. Durch die Enteignung von Land und anderen Produktionsmitteln entstanden auf der einen Seite große Vermögen und auf der anderen eine besitzlose Klasse, die gezwungen war, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Ein zentrales Beispiel sind die ›Einhegungen‹ (Enclosures) in England des 16. und 17. Jahrhunderts. Gemeinsam genutztes Land wurde privatisiert, Bäuer*innen verloren ihre Lebensgrundlage und konnten sich nicht mehr selbst versorgen. Um zu überleben, mussten viele von ihnen zu Lohnarbeiter*innen werden. Marx betont, dass dieser Prozess nicht friedlich, sondern durch Gewalt, Enteignung und staatliche Gesetze durchgesetzt wurde. Einige Wissenschaftler*innen vertreten die Auffassung, dass sich Formen der ursprünglichen Akkumulation bis heute fortsetzen, etwa durch Landraub, Privatisierungen oder die Aneignung natürlicher Ressourcen in der Peripherie.

V

Verelendung

Unter ›Verelendung‹ wird die These gefasst, dass der Kapitalismus die Lage der Arbeiter*innen verschlechtert oder sie zumindest gegenüber dem wachsenden Reichtum der Kapitalist*innenklasse zurückfallen lässt. Marx verband dies unter anderem mit technischem Fortschritt, Konkurrenz, Arbeitslosigkeit und dem Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen. Dabei wird zwischen absoluter und relativer Verelendung unterschieden. Von absoluter Verelendung spricht man, wenn Arbeiter*innen real ärmer werden und ihre Lebensbedingungen sich verschlechtern. Relative Verelendung bedeutet dagegen, dass sich die Lebenslage der Arbeiter*innen zwar verbessern kann, ihr Anteil am gesellschaftlichen Reichtum jedoch sinkt, weil die Kapitalist*innenklasse deutlich schneller reicher wird. Verelendung bedeutet also nicht zwangsläufig, immer ärmer zu werden. Sie kann auch heißen, trotz Verbesserungen hinter dem wachsenden Reichtum der Besitzenden zurückzufallen. Die Verelendungsthese ist umstritten. Kritiker*innen verweisen darauf, dass sich die Lebensstandards vieler Arbeiter*innen in den kapitalistischen Zentren zeitweise deutlich verbessert haben. Umstritten ist auch die Vorstellung, dass eine zunehmende Verelendung automatisch zu einer Überwindung des Kapitalismus führen würde.

W

Wert

Wert ist bei Marx die gesellschaftliche Eigenschaft, die Produkte als Waren vergleichbar macht. Seine Substanz ist abstrakte Arbeit, seine Größe bestimmt die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, seine Erscheinungsform ist der Tauschwert und schließlich das Geld. Wert ist damit kein Ding und keine Eigenschaft, die einem Produkt physisch anhaftet, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Privatarbeiten, das sich hinter dem Rücken der Beteiligten herstellt. Die Arbeitskraft ist dabei die Quelle des Werts. Jede Ware weist einen Gebrauchswert (sie ist nützlich) und einen Tauschwert (sie kann gegen andere Waren eingetauscht werden) auf. Der Wert ergibt sich nicht aus der konkreten Tätigkeit, sondern aus der Tatsache, dass eine Form von Arbeit zur Herstellung notwendig ist. Mehrwert entsteht, wenn die Arbeitskraft im Produktionsprozess mehr Wert schafft, als zu ihrer eigenen Erhaltung notwendig ist. Dieser zusätzlich geschaffene Wert kann vom Kapitalist*innen angeeignet werden.

Arbeitswerttheorie