Die Ware und ihr Wert
Marx beginnt Das Kapital nicht mit dem Geld oder dem Markt, sondern mit der Ware. Das ist kein Zufall. In einer kapitalistischen Gesellschaft nimmt der Reichtum die Form einer riesigen Ansammlung von Waren an. Die einzelne Ware ist deshalb der Ausgangspunkt der Analyse.
Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹, die einzelne Ware als ihre Elementarform.
Eine Ware hat zunächst einen Gebrauchswert. Ein Joghurt stillt den Hunger, ein Bleistift schreibt, ein Tisch trägt Gegenstände. Der Gebrauchswert hängt einerseits von den tatsächlichen Eigenschaften des Dings ab, ein giftiger Joghurt hätte keinen Gebrauchswert. Andererseits hängt er von den Bedürfnissen der Menschen ab, die ihn kaufen. Und in gewissen Grenzen ist er auch gesellschaftlich geprägt: Werbung weckt den Appetit auf bestimmte Produkte. Aber der Gebrauchswert ist nicht alles. Waren stehen auch in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Ein Joghurt tauscht sich vielleicht gegen zwei Äpfel, ein dünnes Comic-Heft oder drei Bleistifte. Dieses Verhältnis, in dem Waren sich austauschen, nennt Marx den Tauschwert. Während der Joghurt seit Jahrtausenden ein Gebrauchswert ist, ist es keine natürliche Eigenschaft von ihm, einen Tauschwert zu besitzen. Der Tauschwert ist etwas zutiefst Gesellschaftliches. Nur in einer Gesellschaft, in der Dinge als Waren ausgetauscht werden, ›haben‹ sie einen Tauschwert.
Marx argumentiert: Damit zwei Waren austauschbar sind, müssen sie etwas Gemeinsames haben und zwar in gleicher Größe. Der Gebrauchswert kann es nicht sein, denn gerade weil Joghurt und Bleistifte einen verschiedenen Nutzen haben, werden sie getauscht. Das Gemeinsame ist für Marx ihre Eigenschaft als Arbeitsprodukte. Beide Waren sind Ergebnisse menschlicher Arbeit. Aber in diesem Vergleich bleibt die konkrete Arbeit, die zur Herstellung nötig war, unbeachtet. Es spielt keine Rolle, ob jemand getischlert, gekocht oder programmiert hat. Die Waren haben einen Wert, weil menschliche Arbeit verbraucht wurde, um sie herzustellen – ohne Bestimmung der konkreten Tätigkeit. Marx nennt diese unbestimmte, gleichgemachte Arbeit die ›abstrakte Arbeit‹. Sie ist die ›Substanz‹ des Werts.
Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit
Die Wertgröße einer Ware wird nicht durch die individuelle Arbeitszeit bestimmt, die eine einzelne Arbeiterin für die Herstellung braucht. Sonst würde eine Ware wertvoller, je langsamer jemand arbeitet. Bestimmend ist die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit: die Zeit, die durchschnittlich qualifizierte Arbeitende unter durchschnittlichen Produktionsbedingungen und mit durchschnittlicher Geschicklichkeit zur Herstellung brauchen.
Die Frage, ob ein Joghurt drei oder dreißig Bleistifte wert ist, hängt also von gesellschaftlichen Bedingungen ab. Gibt es Maschinen, die die Herstellung beschleunigen? Wie qualifiziert sind die Arbeitenden? Gibt es eine effiziente Organisation der Arbeitsprozesse? All das beeinflusst die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit und damit die Wertgröße. Die abstrakte Arbeit ist kein Aspekt der Arbeit, den man neben der konkreten Arbeit in der Fabrik beobachten könnte. Sie ist das Ergebnis einer gesellschaftlichen Abstraktion: Im Verhältnis der Waren zueinander wird von der konkreten Nützlichkeit abgesehen und nur die Tatsache zählt, dass Arbeit verbraucht wurde. Der Tauschwert (das Verhältnis, in dem Waren sich austauschen) ist die Form, in der der Wert erscheint.
Zusammenfassung
- Waren haben einen Gebrauchswert (Nützlichkeit) und einen Tauschwert (Austauschverhältnis zu anderen Waren).
- Marx führt den Wert auf die abstrakt menschliche Arbeit zurück: das Gemeinsame aller Waren ist, dass sie Produkte menschlicher Arbeit sind.
- Die Wertgröße wird durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt, nicht durch individuelle Arbeitszeit oder subjektiven Nutzen.
- Der Tauschwert ist die Erscheinungsform des Werts.
