Arbeitskraft und Mehrwert
Die bisherigen Lektionen haben zwei Dinge gezeigt: Der Kapitalismus ist eine Klassengesellschaft, in der Arbeitende ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Und der Wert von Waren beruht auf der in ihnen vergegenständlichten abstrakten Arbeit. Beide Einsichten zusammen bilden die Grundlage für die zentrale Frage: Woher kommt der Gewinn des Kapitalist*innen? Die Antwort liegt in der Arbeitskraft. Im Kapitalismus ist die Arbeitskraft selbst eine Ware. Die Arbeitenden verkaufen sie für eine bestimmte Zeit an Kapitalist*innen und erhalten dafür Lohn. Aber der Wert der Arbeitskraft und der Wert, den die Arbeitskraft im Produktionsprozess schafft, sind zwei verschiedene Dinge.
Arbeitskraft
Arbeitskraft bezeichnet die Gesamtheit der körperlichen und geistigen Fähigkeiten, die ein Mensch besitzt und einsetzen kann, um Gebrauchswerte irgendeiner Art zu produzieren. Im Kapitalismus wird die Arbeitskraft zur Ware: Sie wird für eine bestimmte Zeit verkauft. Gekauft wird die Arbeitskraft, nicht die Arbeit selbst.
Als Ware hat die Arbeitskraft einen Wert und einen Gebrauchswert. Der Wert der Arbeitskraft wird bestimmt durch die Lebensmittel, die die Arbeitenden zum Überleben brauchen: Essen, Wohnung, Kleidung, für sich und ihre Familie. Dazu kommen Ausbildungskosten und gesellschaftliche Standards: Was eine Gesellschaft als angemessenen Lebensstandard betrachtet, fließt in den Wert der Arbeitskraft ein. Auch der Klassenkampf beeinflusst ihn. Organisieren sich die Arbeitenden und erkämpfen höhere Löhne, steigt der Wert der Arbeitskraft. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft für die Kapitalist*innen besteht darin, dass die Arbeitskraft Wert schaffen kann. Und zwar mehr Wert, als sie selbst kostet. Genau hier liegt der Ursprung des Mehrwerts. Ein Beispiel macht das konkret. Eine Kapitalistin gibt für einen Tag 150 € für Rohstoffe und 50 € für die Arbeitskraft aus – insgesamt 200 €. In fünf Stunden verarbeiten die Arbeitenden das Rohmaterial. Der Wert der Rohstoffe (150 €) wird auf die fertigen Produkte übertragen. Zusätzlich schaffen die Arbeitenden in diesen fünf Stunden einen Neuwert von 50 €. Die Produkte könnten für 200 € verkauft werden, also ohne Gewinn. Aber die Kapitalistin hat die Arbeitskraft für einen ganzen Arbeitstag bezahlt. Sie kauft etwas mehr Rohstoffe und lässt die Arbeitenden acht Stunden arbeiten. In acht Stunden schaffen sie einen Neuwert von 80 €. Die Produkte können jetzt für 230 € verkauft werden, obwohl nur 200 € ausgegeben wurden. Der Gewinn von 30 € ist der Mehrwert.
Der Produktionsprozess hat zwei Seiten. Als Arbeitsprozess betrachtet werden konkrete Gebrauchswerte hergestellt: Tische, Schuhe, Fußbälle. Als Verwertungsprozess betrachtet passiert etwas anderes: Der Wert der Rohstoffe wird auf ein neues Produkt übertragen und gleichzeitig wird neuer Wert durch die Arbeitskraft geschaffen. Der Produktionsprozess ist Arbeitsprozess und Wertbildungsprozess zugleich.
Der Wert einer Ware setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen:
W = c + v + m
c = konstantes Kapital (Wert der verbrauchten Produktionsmittel)
v = variables Kapital (Wert der Arbeitskraft / Lohn)
m = Mehrwert (der von der Arbeitskraft über den Lohn hinaus geschaffene Wert)
Der Neuwert, den die Arbeitenden an einem Tag produzieren, ist v + m. Er teilt sich in den Teil, der den Lohn ersetzt, und den Teil, der als Mehrwert beim Kapitalisten verbleibt.
Zusammenfassung
- Die Arbeitskraft ist im Kapitalismus eine Ware. Ihr Wert wird durch die Kosten der Lebenshaltung, gesellschaftliche Standards und den Klassenkampf bestimmt.
- Der Gebrauchswert der Arbeitskraft für die Kapitalistinnen: Sie kann mehr Wert produzieren, als sie selbst kostet.
- Diese Differenz ist der Mehrwert, die Grundlage des Profits.
- Das konstante Kapital (c) überträgt seinen Wert, das variable Kapital (v) schafft neuen Wert.
- Der Wert einer Ware: W = c + v + m.