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Klassengesellschaft und Ausbeutung

Innerhalb unserer Gesellschaft existieren verschiedene Herrschaftsverhältnisse. Rassismus, Sexismus und Ableismus werden zurecht kritisiert. Ein anderes Herrschaftsverhältnis wird dagegen gerne als überholt abgetan: das ökonomisch begründete Ausbeutungsverhältnis einer Klasse durch eine andere. Von ›Klassen‹ zu reden, gilt heute als altmodisch. Gesellschaftliche Durchlässigkeit, so das gängige Argument, habe dazu geführt, dass die ökonomische Situation den Lebensstil kaum noch bestimme. In Fabriken arbeite hier ohnehin kaum noch jemand. Und ausgebeutet werde auch niemand, die meisten bekämen doch einen guten Lohn für acht Stunden Arbeit. Aber all das berührt nicht die Tatsache der Ausbeutung: Ausgebeutet werden Menschen, wenn die Arbeit der beherrschten Klasse nicht nur für ihren eigenen Lebensunterhalt dient, sondern auch für den der herrschenden Klasse.

Der Kapitalismus unterscheidet sich von früheren Klassengesellschaften nicht nur durch die formelle Gleichheit. Der ausgebeutete Reichtum hat eine andere Funktion. Beim Grundherrn diente er der Deckung seines Luxusbedarfs. Bei Kapitalist*innen soll der Gewinn in erster Linie reinvestiert werden, um in der Zukunft noch mehr Reichtum zu gewinnen. Im Mittelpunkt steht die Kapitalverwertung: aus Geld mehr Geld machen. Dieses Streben nach mehr liegt nicht allein an der Gier einzelner Kapitalist*innen. Die Struktur des Kapitalismus erzwingt es. Nur wer die Produktion ständig ausweitet und optimiert, überlebt im Konkurrenzkampf. Wer aufhört zu wachsen, riskiert den Bankrott.

Definition

Kapital

Kapital ist eine Wertsumme, die eingesetzt wird, um verwertet zu werden – also um Gewinn abzuwerfen. Es gibt unterschiedliche Formen: Geld kann verliehen werden, um Zinsen einzubringen. Waren können billig gekauft und teurer weiterverkauft werden. Beim industriellen Kapital liegt der Ursprung des Gewinns im Produktionsprozess selbst: Rohstoffe und Arbeitskraft werden gekauft, um Waren herzustellen, die mehr wert sind als die Ausgaben.

Zinstragendes Kapital und Handelskapital hat es praktisch schon immer gegeben. Aber erst im Kapitalismus werden Produktion und Handel in erster Linie kapitalistisch organisiert. Erst wenn sich das gesamte Wirtschaftsleben der Logik der Kapitalverwertung unterordnet, kann man vom Kapitalismus als Gesellschaftsform sprechen. Damit diese Produktionsweise funktioniert, braucht sie Menschen, die bereit sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Diese Bereitschaft entsteht nicht von allein. Die Arbeitenden im Kapitalismus sind auf zwei Arten frei: Sie sind freie Menschen, an niemanden persönlich gebunden. Aber sie sind auch frei von Produktionsmitteln, das heißt sie besitzen weder Land noch Werkzeuge noch Maschinen, mit denen sie ihr eigenes Überleben sichern könnten. Marx nennt sie »doppelt freie Lohnarbeitende«.

Ursprüngliche Akkumulation

Das Verhältnis, in dem auf der einen Seite Kapitalbesitzerinnen und auf der anderen Seite eigentumslose Arbeitende stehen, gab es nicht immer. Marx nennt die Zeit, in der es entstand, die »sogenannte ursprüngliche Akkumulation«. Boden, der zuvor Gemeinden gehörte, wurde privatisiert. Bäuerinnen verloren den Zugriff auf die Grundstücke, von denen sie sich ernährt hatten. Wer sich der Lohnarbeit verweigerte, wurde kriminalisiert. Das Vagabundentum etwa wurde mit Zwangsarbeit bestraft. Dass freie Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen, musste zunächst gewaltsam durchgesetzt werden.

In dieser Abhängigkeitslage befinden sich lohnabhängig Arbeitende auch heute noch. Die Drohung, ohne Arbeit die Miete nicht zahlen oder die Familie nicht ernähren zu können, macht sie ausbeutbar. Die Ausbeutung im Kapitalismus hat eine präzise Bedeutung: Die Arbeitenden produzieren an einem Tag mehr Wert, als sie selbst in Form von Lohn erhalten. Der Gewinn der Kapitalist*innen hat seinen Ursprung in dieser Differenz. Ein Beispiel: Ein*e Kapitalist*in gibt 150 € für Rohstoffe und 50 € für die der Beschäftigten aus – insgesamt 200 €. Am Ende des Arbeitstages können die produzierten Waren für 230 € verkauft werden. Der Gewinn von 30 € stammt daher, dass die Arbeitenden in ihrer Arbeitszeit mehr Wert geschaffen haben, als ihre Arbeitskraft kostet. Im Mittelpunkt steht also die ›Kapitalverwertung‹. Dieses Streben nach mehr liegt nicht nur an der Gier der Kapitalist*innen, sie werden durch die Struktur des Kapitalismus dazu gebracht. Denn nur, wenn sie die Produktion ständig ausweiten und optimieren, werden sie im Konkurrenzzwang mit den anderen Kapitalist*innen überleben. Die Kapitalist*innen sind also nicht nur Ausbeuter, sondern selbst Getriebene. Die Struktur des Kapitalismus zwingt sie zur ständigen Verwertung seines Kapitals. Hören sie damit auf, werden sie von der Konkurrenz verdrängt. Ausbeutung im Kapitalismus ist kein moralisches Versagen einzelner Unternehmer*innen, sondern Systemlogik.

Zusammenfassung

  • Der Kapitalismus ist eine Klassengesellschaft: Auf der einen Seite die Besitzerinnen der Produktionsmittel, auf der anderen die lohnabhängig Arbeitenden.
  • Die Ausbeutung beruht nicht auf persönlicher Herrschaft, sondern auf dem ökonomischen Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit.
  • Kapital ist eine Wertsumme, die eingesetzt wird, um verwertet zu werden. Der Konkurrenzzwang treibt die Kapitalverwertung an.
  • Die Arbeitenden sind doppelt frei: frei als Personen, aber frei von Produktionsmitteln. Diese Konstellation musste geschichtlich erst durchgesetzt werden.
  • Ausbeutung heißt: Die Arbeitenden produzieren mehr Wert, als sie in Form von Lohn erhalten.

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