Kapital, Fetisch und Oberfläche
Das Kapital ist kein Ding. Es ist eine Bewegung. Geld wird eingesetzt, um Arbeitskraft und Produktionsmittel zu kaufen. Diese werden im Produktionsprozess verbraucht. Dabei entstehen Waren, die mehr wert sind als die Ausgaben. Und diese Waren werden verkauft, um wieder zu Geld zu werden. Danach soll natürlich mehr Geld als am Anfang existieren. Dann beginnt der Kreislauf von neuem.
Produktion und Handel hängen zusammen: Nichts kann gehandelt werden, ohne produziert worden zu sein. Aber in einer kapitalistischen Wirtschaft wird für den Handel produziert. Das Kapital durchläuft dabei verschiedene Formen: Geld, Waren, Produktion, wieder Waren und wieder Geld. In jeder Form erfüllt es eine andere Funktion, aber der Zweck bleibt gleich: die Verwertung.
Die bürgerliche Volkswirtschaftslehre, insbesondere die Neoklassik, sieht drei gleichberechtigte ›Produktionsfaktoren‹: Kapital, Boden und Arbeit. Jeder Faktor sei eine eigenständige Quelle des Werts. Der Kapitalistin stehe daher der Profit zu, dem Grundbesitzer die Rente, der Arbeiterin der Lohn. Alle drei Bezahlungen seien ein gerechter Ertrag für ihren jeweiligen Beitrag.
Die marxistische Analyse dreht das um. Die Industriekapitalistin bezieht ihr Einkommen aus dem Mehrwert, den die Arbeitenden produziert haben. Der Grundbesitzer erhält einen Teil dieses Mehrwerts als Gegenleistung für die Bereitstellung des Bodens. Die Finanzkapitalistin erhält einen Teil als Zins für verliehenes Geld. Alle drei Einkommen (Profit, Grundrente und Zins) haben ihre Quelle im Mehrwert, den die Arbeitenden geschaffen haben.
Marx zufolge ist die neoklassische Vorstellung kein bloßer Denkfehler. Sie hat ihren Ursprung in der Form des Kapitalismus selbst. An der Oberfläche des Marktes sieht es tatsächlich so aus, als würden Kapital und Boden eigenständig Wert erzeugen. Der Lohn erscheint als Bezahlung der gesamten Arbeit. Und der Profit erscheint als Ertrag des eingesetzten Kapitals. Marx nennt diese Verkehrung Fetischismus.
Warenfetisch
Der Wert einer Ware stammt aus gesellschaftlichen Arbeitsverhältnissen. Es liegt also die Tatsache zugrunde, dass Menschen unter bestimmten Bedingungen Arbeitszeit verausgaben. Beim Tausch auf dem Markt erscheint der Wert aber als dingliche Eigenschaft der Ware selbst. Die Menschen sehen, wie Waren sich austauschen, nicht die dahinterliegenden Arbeitsverhältnisse. Das nennt Marx den Warenfetisch.
Der Warenfetisch ist nur die erste Form. Der Geldfetisch entsteht, wenn der Wert einer Ware sich in Geld ausdrückt. Geld scheint selbst wertvoll zu sein. Tatsächlich drückt es nur den Wert der Ware aus, die in ihm ihre Wertform findet. Die Ware ist nicht wertvoll, weil sie Geld kostet, sondern sie kostet Geld, weil sie einen Wert hat.
Der Kapitalfetisch geht noch weiter. Wenn der Lohn als Bezahlung der gesamten Arbeit erscheint, scheint der Mehrwert nicht aus der Arbeit zu stammen, sondern aus dem Kapital selbst. Das Kapital erscheint als eine Macht, die aus sich heraus Wert erzeugt. Die extremste Form ist der Zins: Geld auf ein Konto einzahlen und jedes Jahr ein wenig reicher werden. Das erweckt den Anschein, als würde Geld von allein wachsen.
Die marxistische Theorie fasst das Zusammenspiel von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als Produktionsweise. Die Produktivkräfte umfassen alles, was in der Produktion eingesetzt wird: die Arbeitskraft selbst, aber auch Maschinen, Werkzeuge und Rohstoffe. Die Produktionsverhältnisse bestimmen, wer die Produktionsmittel besitzt und in welchem Verhältnis die Menschen zueinander stehen. Im Kapitalismus sind die Produktionsmittel im Besitz der nicht-arbeitenden kapitalistischen Klasse. Die Arbeitsprodukte werden von dieser Klasse angeeignet.
Zusammenfassung
- Das Kapital bewegt sich in einem Kreislauf: Geld, Kauf, Produktion, Ware, Verkauf, Mehr Geld. Neuer Wert entsteht nur in der Produktion.
- Die bürgerliche Ökonomie behandelt Kapital, Boden und Arbeit als gleichberechtigte Quellen des Werts. Die marxistische Analyse zeigt: Allein die Arbeit schafft Mehrwert.
- Der Warenfetisch lässt gesellschaftliche Verhältnisse als Eigenschaften von Dingen erscheinen. Der Geldfetisch lässt Geld als selbst wertvoll erscheinen. Der Kapitalfetisch lässt das Kapital als eigenständig wertschöpfend erscheinen.
- Die Produktionsweise ist die Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen.
