Zum Hauptinhalt springen

Du nutzt diesen Kurs als Gast. Melde dich an, um deinen Fortschritt zu speichern.

Anmelden

Finanzkapitalismus und digitale Waren

Die einzelne Kapitalistin, die ihre Fabrik persönlich leitet, ist heutzutage selten geworden. Die relevanten Unternehmen sind heute häufig Aktiengesellschaften. Sie bündeln die Kapitalvermögen vieler Einzelner zu einem großen Gesellschaftskapital und können so riesige Mengen an Geldkapital mobilisieren. Ein großer Teil der Aktien liegt in den Händen von finanzkapitalistischen Fonds und Banken, dem Finanzkapital. Diese fassen das Vermögen vieler Anlegerinnen zusammen und entscheiden, in welche Unternehmen investiert wird. Unternehmen stehen dadurch unter ständigem Druck: Wer keine ausreichenden Profite liefert, verliert den Zugang zu Geldkapital.

Aktien und Anleihen haben keinen eigenen Wert in dem Sinne, dass man sie essen, bewohnen oder benutzen könnte. Sie verbriefen Ansprüche: auf Dividenden, auf Zinsen, auf einen Anteil am Unternehmenswert. Marx nennt sie fiktives Kapital. Das Kapital der Geldbesitzerinnen wird einmal investiert und kauft damit ein Recht auf zukünftige Zahlungen. Die Börsenkurse haben nichts mit der Wertsumme zu tun, die ursprünglich gezahlt wurde.

Definition

Fiktives Kapital

Fiktives Kapital bezeichnet Vermögenstitel (wie Aktien und Anleihen), deren ›Wert‹ nicht in realer Wertproduktion liegt, sondern in Ansprüchen auf zukünftige Zahlungen. Wenn weltweit die Finanzvermögen wachsen, bedeutet das nicht, dass auch der gesellschaftliche Reichtum wächst. Eine Aktie lässt sich nicht essen. Das fiktive Kapital fügt dem materiellen Reichtum der Gesellschaft nichts hinzu.

Die Logik der Börse ist geprägt von Erwartungen und Selbstverstärkung. Wenn viele Anleger*innen glauben, ein Unternehmen könnte hohe Gewinne erzielen, kaufen sie die Aktien. Dadurch steigt der Kurs und die Gewinnerwartung löst sich ein, unabhängig davon, ob sich in der Realwirtschaft etwas verändert hat. Das funktioniert auch in die andere Richtung: Sinkende Erwartungen führen zu Verkäufen, der Kurs fällt, die Verlusterwartung bestätigt sich.

Besonders ausgeprägt ist das bei Derivaten. Derivate sind Verträge, die einen Preis oder einen Kauf für einen späteren Zeitpunkt festlegen. Ursprünglich dienten sie der Absicherung: Eine Bäuerin und eine Händlerin einigen sich heute auf den Preis der Ernte in sechs Monaten. In der Praxis werden Derivate aber vor allem zur Spekulation genutzt. Sie werden in hoher Frequenz gehandelt, teils innerhalb von Sekundenbruchteilen, anhand komplexer Computermodelle. Durch diese Eigendynamik entstehen Blasen, die sich von der Realwirtschaft abkoppeln.

GameStop

Im Januar 2021 zeigte der Fall GameStop die spekulative Logik der Börse. Hedgefonds hatten auf fallende Kurse des Videospielehändlers spekuliert. Sie liehen sich Aktien und planten, sie nach dem erwarteten Kurssturz billiger zurückzukaufen. Aber eine Online-Community von Kleinanlegerinnen kaufte massenhaft GameStop-Aktien und trieb den Kurs in die Höhe. Die Hedgefonds mussten hohe Verluste hinnehmen. Das war natürlich keine Demokratisierung der Börse. Die reichsten 1 % besitzen weiterhin den größten Anteil am Finanzvermögen. Die Hedgefonds mussten Verluste akzeptieren, aber ihr Geschäftsmodell blieb weiter intakt. Es ist legal, mit Derivaten an der Börse zu spekulieren.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewannen Informationsprodukte an Bedeutung: Software, Apps, digitale Inhalte. Diese Waren haben eine besondere Eigenschaft: Einmal hergestellt, lassen sie sich mit minimal niedrigen Kosten endlos reproduzieren. Der Wert einer einzelnen Kopie sinkt gegen null, sobald die Entwicklungskosten gedeckt sind. Der Wert dieser Waren hängt deshalb nicht von den Reproduktionskosten ab, sondern vom ›geistigen Eigentum‹ und den daran hängenden Eigentumsrechten. Unternehmen, die digitale Waren produzieren, können enorme Profite erzielen, sobald die Entwicklungskosten eingenommen sind. Jede weitere Kopie kostet fast nichts. Aber diese Profite sind keine gewöhnlichen Mehrwertprodukte. Sie lassen sich besser als ökonomische Rente verstehen, analog zur Grundrente. Die Grundbesitzerin verdient Geld, weil sie etwas besitzt (Boden), das nicht beliebig reproduzierbar ist. Genauso eignen sich die Besitzer*innen geistiger Eigentumsrechte einen Teil des anderswo produzierten Mehrwerts an, weil sie ein Monopol auf ihr Produkt halten. Geistige Eigentumsrechte sind also kein ›Produktionsfaktor‹ neben Arbeit, Kapital und Boden. Sie sind eine Einkommensquelle, eine Form der Aneignung von Wert, der von Arbeitenden in der gesamten Wirtschaft produziert wurde.

Zusammenfassung

  • Aktiengesellschaften bündeln viele Einzelkapitale. Das Finanzkapital (Fonds, Banken) kontrolliert große Teile der Wirtschaft.
  • Aktien und Anleihen sind fiktives Kapital: Ansprüche auf zukünftige Zahlungen, kein realer gesellschaftlicher Reichtum.
  • Spekulation und Derivate erzeugen an der Börse eine Eigendynamik, die sich von der Realwirtschaft abkoppeln kann: Blasenbildung.
  • Digitale Waren lassen sich nach einmaliger Entwicklung fast kostenlos reproduzieren. Ihre Profite beruhen auf geistigen Eigentumsrechten und funktionieren als ökonomische Rente.
  • Auch geistige Eigentumsrechte sind kein Produktionsfaktor, sondern eine Einkommensquelle, eine Form der Aneignung von anderswo produziertem Mehrwert.

Melde dich an, um deinen Fortschritt zu speichern.

Anmelden