Krisen und Arbeitslosigkeit
In England trat 1825 die erste Wirtschaftskrise eines neuen Typs auf. Es war keine Krise durch Missernten, Kriege oder Handelsstörungen. Es war eine Krise durch Überproduktion: Es gab zu viele Waren, als dass sie sich noch mit Profit hätten verkaufen lassen. Seitdem wiederholen sich solche Krisen regelmäßig. Im 19. Jahrhundert lagen die Abstände bei etwa zehn bis elf Jahren. Besonders schwer trafen die Weltwirtschaftskrise 1929–1933 und die Krise 2007–2009.
Hinter der Regelmäßigkeit steckt ein Grundwiderspruch des kapitalistischen Systems. Auf der einen Seite ist die Arbeit gesellschaftlich: Durch die Arbeitsteilung sind Millionen von Menschen und tausende von Wirtschaftsbereichen miteinander verflochten – von den Minen in Bolivien bis zur Autoproduktion in Japan. Auf der anderen Seite liegt die Kontrolle über die Produktion in den Händen privater Einzelner. Jedes Unternehmen plant für sich: Was wird wann, wie und wie viel produziert? Diese private Planung führt zu Chaos in der Volkswirtschaft. Jedes Unternehmen versucht, möglichst viel zu verkaufen und möglichst großen Gewinn zu erzielen. Aber niemand koordiniert, ob die Gesamtproduktion zur Gesamtnachfrage passt.
Der Zyklus lässt sich Schritt für Schritt nachvollziehen. Am Anfang steht die Belebung. In der vorangegangenen Krise sind Preise und Profite gefallen. Kapitalist*innen reagieren darauf, indem sie in neue, effizientere Maschinen investieren (in neues fixes Kapital, siehe unten). Das belebt die Branchen, die Maschinen und Rohstoffe herstellen.
Im Aufschwung breitet sich die Belebung aus. Der Konkurrenzdruck zwingt auch andere Unternehmen, ihre Produktion umzustrukturieren. Mehr Arbeitskräfte werden gebraucht, die Löhne steigen, die Nachfrage nach Konsumgütern wächst. Die steigenden Marktpreise treiben die Profite nach oben und locken weitere Investitionen an.
Dann treten Probleme auf. Weil am Anfang des Zyklus massiv in Maschinen investiert wurde, geht die Nachfrage nach neuen Produktionsmitteln zurück. Gleichzeitig drücken die steigenden Löhne auf die Profite: Der von den Arbeitenden produzierte Neuwert teilt sich in Löhne und Profite. Steigt der eine Teil, sinkt der andere.
Die Krise beginnt als Überproduktion von Produktionsmitteln und Investitionsgütern. Lager füllen sich. Bestellungen bleiben aus. Das Kapital stockt in der Warenform und kann sich nicht in Geld verwandeln. Waren müssen zu niedrigen Preisen verkauft werden. Unternehmen können ihre Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten. Die Krise breitet sich auf andere Bereiche aus.
Im Abschwung schränken die Kapitalist*innen die Produktion ein und entlassen Arbeitende. Sinkende Löhne und Massenentlassungen reduzieren die Nachfrage weiter. Kapital wird entwertet, Waren verrotten in Lagern, Maschinen werden verschrottet. Erst die Vernichtung von Kapital entspannt die Krise und schafft die Bedingungen für einen neuen Zyklus.
Bei der Produktion von Waren kommen verschiedene Kapitalbestandteile zusammen. Arbeitskraft und Rohstoffe werden aufgebraucht und ihr Wert kommt mit dem Verkauf sofort zurück. Marx nennt das zirkulierendes Kapital. Maschinen und Gebäude dagegen werden einmal alle paar Jahre gekauft und ihr Wert überträgt sich über die gesamte Nutzungsdauer anteilig auf die produzierten Waren. Marx nennt das fixes Kapital.
Die Lebensdauer des fixen Kapitals prägt die Dauer der Konjunkturzyklen. Wenn Maschinen alle acht bis zehn Jahre ausgetauscht werden, entsteht ein entsprechender Investitionsrhythmus.
Arbeitslosigkeit ist kein Betriebsunfall, sondern ein Strukturmerkmal des Kapitalismus. Die Produktion wird ständig effizienter und automatisiert. Zwar entstehen neue Produktionszweige, die Arbeitsplätze schaffen. Aber permanent gibt es eine Masse an erwerbslosen Menschen, die keine Arbeit finden. Der Kapitalismus profitiert davon in doppelter Hinsicht. Die drohende Arbeitslosigkeit diszipliniert die beschäftigten Arbeitenden: Wer fürchtet, den Job zu verlieren, nimmt auch schlechtere Bedingungen hin. Und eine Masse an Arbeitslosen steht als industrielle Reservearmee bereit, wenn die Produktion in Aufschwungphasen ausgeweitet werden muss. Marx beschreibt, wie der Kapitalismus die Arbeitenden je nach Konjunkturlage anwirbt und wieder auf den Arbeitsmarkt wirft.
Seit der Weltwirtschaftskrise von 1974/75 hat sich das Muster verändert. Die Profitrate ging zurück. Auch in Aufschwungphasen blieben die Wachstumsraten niedrig und die Arbeitslosigkeit hoch. Eine Phase der strukturellen Überakkumulation setzte ein: Mehr Kapital sucht nach profitabler Anlage, als die Realwirtschaft aufnehmen kann. Das überschüssige Kapital fließt auf die Finanzmärkte und erzeugt dort spekulative Blasen und internationale Finanzkrisen.
Zusammenfassung
- Krisen sind ein Strukturmerkmal des Kapitalismus, kein Betriebsunfall.
- Der Grundwiderspruch: gesellschaftliche Produktion vs. private Kontrolle und Aneignung.
- Der Konjunkturzyklus durchläuft vier Phasen: Belebung, Aufschwung, Krise, Abschwung. Geprägt wird er durch den Investitionsrhythmus des fixen Kapitals.
- Die industrielle Reservearmee (permanent Arbeitslose) ist für den Kapitalismus kein Problem, sondern ein funktionales Element.
- Seit den 1970ern: Phase der strukturellen Überakkumulation, in der überschüssiges Kapital auf die Finanzmärkte fließt.
