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Kapitalfraktionen

Der Block an der Macht besteht aus verschiedenen Kapitalfraktionen. Poulantzas unterscheidet drei Achsen, entlang derer sich die Bourgeoisie spaltet: nach dem Grad der Konzentration, nach der Position im Kapitalkreislauf und nach dem Verhältnis zum internationalen Kapital. Diese drei Achsen überlagern sich. Eine konkrete Fraktion (etwa das monopolistische Industriekapital in Deutschland) lässt sich auf allen drei Achsen verorten. Die Unterscheidung von Kapitalfraktionen ist für Poulantzas kein bloßes Schema. Sie ist für ihn die Voraussetzung dafür, die inneren Konflikte des Blocks an der Macht zu analysieren und staatliche Politik zu verstehen.

Monopolkapital und nicht-monopolistisches Kapital

Die erste Achse betrifft den Grad der Konzentration und Zentralisation des Kapitals. Mit der Entwicklung des Kapitalismus kommt es zu einer zunehmenden Konzentration: Große Unternehmen wachsen, kleinere werden verdrängt oder aufgekauft. Die Bourgeoisie spaltet sich in Monopolkapital (große Konzerne, die ihre Märkte dominieren) und nicht-monopolistisches Kapital (kleinere Unternehmen, Mittelständler, Handwerksbetriebe).

Das Monopolkapital zeichnet sich durch eine hohe organische Zusammensetzung des Kapitals aus. Das heißt: Im Verhältnis zum eingesetzten Kapital wird relativ wenig Arbeitskraft benötigt. Die Produktion ist kapitalintensiv. Das Monopolkapital kann durch seine Marktmacht Überprofite erzielen – Profite, die über dem Durchschnitt liegen. Es verbindet häufig industrielles und Geldkapital, beispielsweise in Form von Aktiengesellschaften und Konzernen.

Die Grenzen zwischen monopolistischem und nicht-monopolistischem Kapital sind nicht fest. Sie hängen von der Phase des Kapitalismus und seinen konkreten Formen ab. Beide Fraktionen stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander: Sie konkurrieren, aber sie sind auch aufeinander angewiesen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn es darum geht, gemeinsam gegen die Arbeitendenklasse vorzugehen oder bestimmte staatliche Maßnahmen durchzusetzen.

Industrie-, Bank- und Handelskapital

Die zweite Achse betrifft die Position im Kapitalkreislauf. Das Kapital durchläuft verschiedene Formen: Als produktives Kapital wird es in der Produktion eingesetzt und schafft Mehrwert. Als Warenkapital zirkuliert es auf dem Markt. Als Geldkapital ermöglicht es Kredit und Finanzierung. Jede dieser Phasen des Kreislaufs ist mit einer eigenen Kapitalfraktion verbunden.

Das Industriekapital (das produktive Kapital) nimmt eine besondere Stellung ein. Hier entsteht der Mehrwert. Das Handelskapital bewegt sich in der Zirkulationssphäre und produziert keinen Mehrwert; es realisiert ihn. Das Bank- und Geldkapital stellt Kredit bereit und ermöglicht den Umschlag des Kapitals. Auch hier entsteht kein neuer Mehrwert, sondern bestehender Mehrwert wird umverteilt.

Nationale Bourgeoisie, Kompradorenbourgeoisie und innere Bourgeoisie

Die dritte Achse betrifft das Verhältnis der Bourgeoisie zum internationalen Kapital. Poulantzas unterscheidet drei Typen.

Die nationale Bourgeoisie ist die einheimische Fraktion, die über eine eigene Akkumulationsbasis verfügt und in Widerspruch zum ausländischen imperialistischen Kapital geraten kann. Sie vertritt relativ eigenständige nationale Interessen und kann unter bestimmten Bedingungen Bündnisse mit Teilen der Arbeitendenklasse eingehen, etwa gegen ausländische Konzerne.

Die Kompradorenbourgeoisie ist das Gegenstück: eine Fraktion ohne eigene Akkumulationsbasis, die als Vermittlerin des ausländischen Kapitals fungiert. Sie vertritt die Interessen des Auslandskapitals im Inland und ist von ihm ökonomisch abhängig. Der Begriff stammt aus der Analyse kolonialer und halbkolonialer Gesellschaften.

Definition

Innere Bourgeoisie

Die innere Bourgeoisie ist eine Fraktion, die über eine eigene Akkumulationsbasis verfügt, aber vom internationalen Kapital abhängig ist und zu diesem in einem widersprüchlichen Verhältnis steht. Sie ist weder rein national orientiert wie die nationale Bourgeoisie noch bloße Vermittlerin des Auslandskapitals wie die Kompradorenbourgeoisie. Der Begriff verweist auf den Prozess der Internationalisierung des Kapitals.

Die innere Bourgeoisie ist Poulantzas' eigenständigster Beitrag zur Analyse der Kapitalfraktionen. Für die europäischen Bourgeoisien seit der Nachkriegszeit trifft weder die Kategorie der nationalen noch die der Kompradorenbourgeoisie zu. Die europäischen Bourgeoisien verfügen über eigene Akkumulationsgrundlagen, sie sind keine bloßen Handlanger des US-Kapitals. Gleichzeitig sind sie in die internationalen Kapitalkreisläufe eingebunden und vom internationalen Kapital abhängig. Der Begriff der inneren Bourgeoisie erfasst diese widersprüchliche Position.

Die Unterscheidung hat politische Konsequenzen. Wer die einheimische Bourgeoisie für eine nationale Bourgeoisie hält, kann auf ein Bündnis mit ihr gegen das Auslandskapital hoffen. Wer sie für eine Kompradorenbourgeoisie hält, sieht sie als reinen Feind. Poulantzas' Kategorie der inneren Bourgeoisie zeigt: Beides ist zu einfach. Die Abhängigkeit vom internationalen Kapital und die eigene Akkumulationsbasis existieren gleichzeitig und dieses widersprüchliche Verhältnis bestimmt die politischen Möglichkeiten.

Zusammenfassung

  • Poulantzas unterscheidet Kapitalfraktionen entlang dreier Achsen: Konzentration, Position im Kapitalkreislauf und Verhältnis zum internationalen Kapital.
  • Monopolkapital und nicht-monopolistisches Kapital unterscheiden sich durch den Grad der Kapitalkonzentration. Die Grenzen sind variabel.
  • Industrie-, Bank- und Handelskapital unterscheiden sich durch ihre Position im Kapitalkreislauf. Nur das Industriekapital produziert Mehrwert.
  • Nationale Bourgeoisie, Kompradorenbourgeoisie und innere Bourgeoisie unterscheiden sich durch ihr Verhältnis zum internationalen Kapital. Die innere Bourgeoisie erfasst die widersprüchliche Position europäischer Bourgeoisien: eigene Akkumulationsbasis bei gleichzeitiger Abhängigkeit vom internationalen Kapital.
  • Die drei Achsen überlagern sich. Eine konkrete Fraktion lässt sich auf allen drei Achsen verorten.