Wo wird der Wert gebildet?
Die meisten Marxist*innen sind sich einig, dass (abstrakte) Arbeit den Kern des Wertes von Waren bildet. Einig sind sie sich nicht, ob dieser Wert bereits mit dem Ende der Produktion ›da‹ ist oder erst, wenn die Ware ›den Markt‹ betritt. Drei Jahre lang stritten sie in der Zeitschrift Marxistische Erneuerung darüber.
Marx beginnt Das Kapital mit der Ware und führt über sie den Wert ein. Wo dieser Wert herkommt, scheint damit beantwortet. Wert ist ›vergegenständlichte Arbeit‹, und diese Arbeit liegt zeitlich vor dem Austausch, also in der Produktion.
In seinen Büchern Wissenschaft vom Wert[1], Kritik der politischen Ökonomie[2] und seiner Leseanleitung zu den ersten Kapiteln von Das Kapital[3] hatte Michael Heinrich eine andere Perspektive vertreten. Abstrakte Arbeit als Wertsubstanz und ›Wertgegenständlichkeit‹ sind – Marxist*innen wissen das – keine Natureigenschaften, sondern »gesellschaftliche Bestimmungen von Arbeit«[4]. Sie hängt daher nicht an einem einzelnen Produkt, sondern ist »eine Gegenständlichkeit, die den Arbeitsprodukten nur gemeinsam zukommt; das ›gemeinsame Dritte‹ besitzen die Waren nur dann, wenn sie gemeinsam auftreten, d. h. wenn sie im Tausch als Waren aufeinander bezogen werden.«[5] Und etwas später schreibt Heinrich:
Wesentlich ist aber, daß diese gesellschaftliche Eigenschaft auch nur in der gesellschaftlichen Beziehung der Waren und das heißt im Austausch existiert. Isoliert für sich betrachtete außerhalb des Austauschs ist der Warenkörper nicht Ware, sondern bloßes Produkt.
Die Position von Heinrich – die Teil und Fundament seiner ›monetären Werttheorie‹ ist – stellt sich gegen ein Bild vom ›Wert‹, das unter vielen Marxist*innen verbreitet ist: Der Wert ist mit dem Ende der Produktion als ›abstrakte Arbeit‹ und in seiner Größe bestimmt. Der Austausch realisiert ihn bloß noch.
Barbara Lietz und Winfried Schwarz kritisierten Michael Heinrich daher im Frühjahr 2021 in einem Beitrag in der Zeitschrift Marxistische Erneuerung.[6] In den folgenden drei Jahre folgten Beiträge von Heinrich selbst, Dieter Wolf, Stephan Krüger, Fred Moseley und weiteren. Sie stritten darüber, ob Wert und seine Substanz, die abstrakt menschliche Arbeit, schon in der Produktion vorhanden sind oder erst im Austausch entstehen.
Anlass war ein Manuskript von Marx, dass Heinrich in seinen Büchern herangezogen und für deren Verbreitung ihm wesentlicher Verdienst zukam. Bei der Vorbereitung der zweiten Auflage von Das Kapital schrieb Marx 1871/72 die ›Ergänzungen und Veränderungen‹,[7] in denen er selbstkritisch seine eigene Wertableitung der ersten Auflage überprüft. Der Text erschien erst 1987 und enthält eine Passage, in der Marx einräumt, sich in der ersten Auflage geirrt zu haben. Auf diese Selbstkritik berufen sich beide Seiten, und sie ziehen daraus entgegengesetzte Schlüsse.
Schon die Frage selbst ist Teil des Streits. Lietz und Schwarz stellen sie als strikte Alternative von Produktion und Zirkulation. Heinrich hält diese Alternative für falsch gestellt. Wolf hält sie für an der falschen Stelle gestellt. Es kommt beim Streit also nicht bloß darauf an, die Antworten nebeneinanderzulegen. Teilweise sind sich die Beteiligten sogar uneins, was überhaupt gefragt werden kann.
Die ›Abschweifung‹ als gemeinsamer Boden
In seiner Selbstreflexion (die ›Ergänzungen und Veränderungen‹ genannt wird) unterbricht Marx an einer Stelle die Umarbeitung der Wertformanalyse und prüft, wie er den Wert in der ersten Auflage abgeleitet hatte. Er kritisiert: Damals habe er »Rock und Leinwand als Werthe, jedes für sich, auf Vergegenständlichung menschlicher Arbeit schlechthin«[8] reduziert. Dabei sei übersehen worden, »daß keines für sich solche Werthgegenständlichkeit ist, sondern daß sie solches nur sind, soweit das ihnen gemeinsame Gegenständlichkeit ist«.[9] Eine einzelne Ware, für sich genommen, ist also gar kein Wert. Wert sind die Arbeitsprodukte nur in Beziehung aufeinander.
Die Hauptpositionen der Diskussion sind sich darin auch einig. Lietz und Schwarz folgen Heinrich, dass die Wertgegenständlichkeit keine Eigenschaft des einzelnen Dings ist. Der Streit beginnt bei der Frage, was diese ›Beziehung aufeinander‹ heißt.
Für Heinrich ist damit der Austausch gemeint. Wenn die Arbeitsprodukte außerhalb ihrer Beziehung aufeinander keine Wertgegenständlichkeit besitzen, dann besitzen sie diese erst, sobald sie im Tausch aufeinander bezogen werden. Lietz und Schwarz lesen dieselbe Stelle anders. Für sie ist das Entscheidende nicht der Austausch, sondern die abstrakt menschliche Arbeit. Die Waren beziehen sich aufeinander, weil sie allesamt Ausdrücke derselben Arbeit sind, und zwar, wie Marx betont, ›von vornherein‹. Diese gemeinschaftliche Substanz, nicht der Tauschakt, mache sie zu Werten.
Die ›Ergänzungen und Veränderungen zum ersten Band des ›Kapitals‹‹ sind kein fertiger Text, sondern eine Arbeitshandschrift. Marx notierte darin Änderungen für die zweite Auflage, Einschübe und Überlegungen zur eigenen Verständigung, die er so nicht in die zweite Auflage übernahm. Das Manuskript wurde erst 1987 in der MEGA veröffentlicht und hat seitdem wenig Beachtung gefunden.
Der erste umkämpfte Satz klingt, als hätte Heinrich Recht: Die Arbeitsprodukte erhalten ihre Wertgegenständlichkeit ›erst innerhalb ihres Austauschs‹. Lietz und Schwarz bestreiten das nicht auf der Ebene des Wortlauts. Sie räumen ein, dass der Satz, für sich genommen, beide Lesarten zulässt und dass sich beide Seiten in ihm bestätigt sehen können.
Für sie ist aber der Kontext entscheidend, in dem der Satz steht: Sie lesen ihn als Teil einer historischen Skizze, in der Marx beschreibt, wie aus dem unmittelbaren Produktenaustausch nach und nach die Warenproduktion wird. Heinrich hält dem entgegen, dass Marx an dieser Stelle nichts Historisches ankündigt und den Produktenaustausch nicht einmal erwähnt. Weil der Wortlaut allein nicht entscheidet, zieht er einen zweiten Satz heran. Dieser stammt ebenfalls aus dem Manuskript von 1871/72 und steht zusätzlich in der französischen Ausgabe des Kapital. Der ganze Streit konzentriert sich hierbei auf ein einziges Verb.
Der Wert ist […] nicht ein Ding wie ein Brötchen, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, das als dingliche Eigenschaft erscheint.
Heinrich argumentiert mit einer Voraussetzung aus dem ersten Kapitel von Das Kapital: Um eine Ware zu produzieren, schreibt Marx, muss man nicht nur einen Gebrauchswert herstellen, sondern einen Gebrauchswert für andere.[10] Ob das gelungen ist, zeigt nach Heinrich erst der Tausch. Wer ein Brot backt, um es zu verkaufen, aber keine Käufer*innen findet, hat trotz seiner Absicht nicht für andere produziert, sondern am Ende für sich selbst. Abstrakte Arbeit hat sich in diesem Brot nicht vergegenständlicht, denn die bloße Verkaufsabsicht bildet keinen Wert. Marx führe die abstrakt menschliche Arbeit, meint Heinrich, nicht aus dem Produktionsprozess ein, sondern als Ergebnis der Abstraktion, die im Austausch von den Gebrauchswerten stattfindet.
Lietz und Schwarz widersprechen dem: Der Austausch könne eine bereits abgeschlossene Produktion nicht rückgängig machen. Wer für den Markt produziert, produziert für andere, egal welche Absicht er damit verbindet und ob er später Käufer*innen findet. Entscheidend ist für sie die Unterscheidung zwischen Wert und Wertform. Mit dem Ende der Produktion ist der Wert als Substanz und Größe fertig. Was ihm noch fehlt, ist die Form, in der er erscheint. Die fertige Ware kann ihren Wert nicht an sich selbst ausdrücken, sondern nur relativ, im Geld. Vor dem Austausch hat sie deshalb erst Preisform, einen bloß ideellen Geldausdruck. Der Austausch verwandelt dieses ideelle Geld in wirkliches. Was der Austausch realisiert, ist nicht der Wert, sondern der Preis. Heinrich wendet dagegen ein, dass Marx im dritten Kapitel von Das Kapital durchgehend von der Realisierung des Preises spricht, nie von einer Realisierung des Werts.
Erst der Kreislauf des Kapitals entscheidet
Dieter Wolf stimmt dem Ergebnis von Lietz und Schwarz zu, bestreitet aber ihren Weg dorthin. Auch für ihn entsteht der Wert in der Produktion, nicht in der Zirkulation. Aber er hält ihre Begründung für einen Eingriff in Marx' Werttheorie. Marx erkläre Wert, abstrakt menschliche Arbeit, Ware und Geld in den ersten drei Kapiteln auf der Ebene der einfachen Warenzirkulation. Diese Ebene gewinne Marx, indem er vom Kreislauf des Kapitals absieht und ihn in seine beiden Phasen zerlegt. Auf dieser Abstraktionsebene lasse sich nach Wolf gar nicht entscheiden, ob der Wert in der kapitalistischen Produktion oder in der kapitalistischen Zirkulation entsteht. Die Frage stellt sich hier noch nicht.
Wolf kritisiert also beide Seiten: Beide würden das Erklären der Formen mit der Frage nach ihrem Entstehen und Existieren verwechseln. Wo der Wert wirklich entsteht, entscheidet für Wolf erst der Kreislauf des Kapitals, in dem die Produktion zum Verwertungsprozess und die einfache Ware zur prozessierenden Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozess wird. In ihrer Antwort darauf meint Lietz: Wolf führe mit seinen logisch-systematischen Argumenten auf ein Nebengebiet. Vor allem setze er die Darstellungsmethode fälschlicherweise mit dem darzustellenden Objekt gleich. Dass Marx den Wert erst im ersten Kapitel erklärt, heiße nicht, dass die Ware ihren Wert erst durch diese Erklärung erhält. Auch eine noch nicht erklärte Wertgröße sei nach Lietz trotzdem vorhanden. Die einfache Zirkulation sei eine Abstraktion, aber eine mit realem Gehalt, denn an der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft entsprechen ihr Waren und Geld, Käufer*innen und Verkäufer*innen.
Wolf […] identifiziert die Darstellungsmethode mit dem darzustellenden Objekt. So scheint die ›Erklärung‹ des Werts sein Schöpfungsakt zu sein.
Die zweite Front um die Wertgröße
Bisher ging es um die qualitative Frage, ob der Wert als gesellschaftliche Form in der Produktion oder im Austausch entsteht. Daneben läuft eine zweite Auseinandersetzung um quantitative Frage der Wertgröße. An dieser Stelle teilt sich auch das Lager, das in der ersten Frage gemeinsam Heinrich gegenübersteht.
Unstrittig ist, dass der Wertgröße die Arbeitszeit in der Produktion zugrunde liegt und dass es dabei um durchschnittliche, nicht individuelle Bedingungen geht. Strittig ist, ob der gesellschaftliche Durchschnitt – die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit – schon vor dem Austausch feststeht.
Aus Heinrichs Sicht kommt eine weitere Bestimmung in den Austausch hinein: die zahlungsfähige Nachfrage. Wertbildend sei nur die Arbeitszeit, die auch zur Befriedigung des zahlungsfähigen Bedarfs nötig ist. Vor dem Austausch lasse sich deshalb nicht angeben, wie groß die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist. Das Geld nennt Marx die ›notwendige Erscheinungsform‹ des immanenten Wertmaßes, der Arbeitszeit.[11] Heinrich zufolge spreche das dafür, dass sich die Wertgröße nicht unabhängig von ihrer Erscheinung im Geld bestimmen lässt.
Lietz und Schwarz trennen dagegen zwei Begriffe von gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit. Der eine betrifft die Herstellung und bildet die Wertgröße. Der andere betrifft den gesellschaftlichen Bedarf und entscheidet nur darüber, ob sich der Wert im Preis vollständig realisieren lässt. Eine sinkende Nachfrage drücke den Preis unter den Wert, sie senke nicht den Wert selbst. Die Nachfrage wirke nur indirekt auf die Wertgröße, nämlich dann, wenn die Produzent*innen mit veränderten Produktionsbedingungen reagieren und sich neue notwendige Arbeitszeiten herausbilden.
Fred Moseley liest die Passage von der Leinwand aus einer Gleichgewichtsperspektive. Der ›Normalpreis‹, von dem Marx ausgeht, ist für ihn der Gleichgewichtspreis, bei dem sich Angebot und Nachfrage decken. Dieser Preis werde allein durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit in der Produktion bestimmt und wirke als Gravitationszentrum, um das die Marktpreise schwanken. Übersteigt das Angebot die Nachfrage, falle der Marktpreis unter den Normalpreis, der Normalpreis selbst bleibt. Was Marx ›quantitative Inkongruenz‹ nennt, ist für Moseley deshalb keine Differenz zwischen Arbeitszeit und Geld, sondern zwischen zwei Sorten Preisen: einem, der die Wertgröße ausdrückt, und einem, der von ihr abweicht. So verteile sich die gesellschaftliche Arbeit auf die Produktionszweige.
Stephan Krüger schließt in ähnlicher Weise an den Begriff des Marktwerts aus dem dritten Band von Das Kapital an: Innerhalb eines Produktionszweigs entscheidet das Verhältnis von Angebot und Nachfrage darüber, welche der unter verschiedenen Bedingungen produzierten Waren den Marktwert reguliert. Damit wirke die Nachfrage nicht nur auf den Preis, sondern auf den Marktwert selbst zurück und bestimme den Wert so mit.
Während Moseley aber die Marxsche Werttheorie in erster Linie für eine Theorie der Gleichgewichtspreise halte, die als innere Gesetze des Kapitals wirken, warnt Krüger vor »gleichgewichtstheoretischen Korsettstangen«[12] und hält fest, dass auch Ungleichgewichtstheorien ein Gleichgewicht als Bezugsmaß unterstellen. Marxens Theorie sei viel eher als ein sich ständig verschiebendes ›Gleichgewicht‹ zu verstehen.[krueger-allg]
Es findet […] Wechselwirkung statt, aber, notabene, Wechselwirkung ungleicher Kräfte zwischen Produktions- sowie Distributions- oder Nachfragebedingungen.
Wiederkehrender Streit
Paula Rauhala zeigt in ihrem Beitrag, dass Heinrichs ›monetäre Werttheorie‹ eine unbewusste Verwandte hat. Schon in der DDR stritten Ökonomen in den frühen 1960er Jahren darüber, ob sich der Arbeitswert hinter den Preisen messen lässt. Die Position, dass abstrakte Arbeit kein messbares Quantum, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis sei, war dort prominent vertreten, unter anderem von Herbert Neumann. Nach Rauhala klinge das in Heinrichs Argumenten wieder an. Dementsprechend treffe Heinrichs Bild vom ›substanzialistischen‹ Traditionsmarxismus, den er kritisiert, auf diese Debatte gerade nicht zu. Die Frage, ob abstrakte Arbeit eine Größe oder ein Verhältnis ist, scheine »etwa alle 50 Jahre ›ihr Haupt zu heben‹, mit Argumenten, die schon einmal vorgebracht worden sind.«