Riss im Stoffwechsel oder Kapitalismus im Lebensnetz?
Karl Marx schrieb im 19. Jahrhundert – einer Zeit, die von Kohle und Dampfmaschine geprägt war. Aus Sicht vieler Kritiker*innen schlug sich das in seiner Theorie nieder: der ökologischen Frage schien es wenig zu bieten. Der Ökosozialist John Bellamy Foster war einer der prominentesten Marxisten, der dieses Bild umdrehte. Aber was kann eine marxistische Theorie der ökologischen Krise leisten? Das war Gegenstand einer Diskussion zwischen Foster und Jason Moore.
Karl Marx schrieb im 19. Jahrhundert – einer Zeit, die von Kohle und Dampfmaschine geprägt war. Aus Sicht vieler Kritiker*innen schlug sich das in seiner Theorie nieder: der ökologischen Frage schien es wenig zu bieten. Und auch viele Marxist*innen lasen ihn als einen Denker des Fortschritts, dem es vor allem um die Entfesselung der Produktivkräfte ging, statt um deren natürliche Grenzen. Der Ökosozialist John Bellamy Foster, Herausgeber des marxistische Magazins Monthly Review, war einer der prominentesten Marxisten, der dieses Bild umdrehte. In Marx' naturwissenschaftlichen Studien, vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Agrikulturchemiker Justus von Liebig, fand Foster wichtige Gedanken zu Ökologie, mit dem zentralen Begriff des ›Risses im Stoffwechsel‹. Der Kapitalismus, so die Idee von Marx, reiße den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur auf. Eine künftige Gesellschaft müsse diesen Riss heilen. Mit dieser Lektüre wurde die Ökologie zu einem zentralen Gegenstand marxistischer Analyse.[1]
Der US-amerikanische Historiker und Humangeograph Jason Moore kommt aus dieser Schule und arbeitet in seinen frühen Arbeiten zur Umweltgeschichte des Kapitalismus selbst mit Fosters Begriff vom Riss im Stoffwechsel.[2] Fünfzehn Jahre später hält er den Begriff aber für ein Hindernis einer marxistischen Ökologie. Der Ansatz rechne nach der Formel Gesellschaft plus Natur gleich Krise, Moore nennt das ›Green Arithmetic‹, und schleppe damit genau die cartesianische Trennung – in der Gesellschaft und Natur als Gegensätze behandelt werden – mit, die er überwinden müsste.[3]
Es entwickelt sich ein Streit, der sich um die Frage dreht, was eine marxistische Theorie der ökologischen Krise leisten soll. Die eine Seite beschreibt einen Riss im gesellschaftlichen Stoffwechsel mit der Natur, den erst eine andere Produktionsweise als der Kapitalismus schließen kann. Die andere analysiert den Kapitalismus als eine Weise, Natur zu organisieren, und zählt die Trennung von Gesellschaft und Natur selbst zum Problem. Beide Seiten berufen sich auf Marx, lesen ihn aber unterschiedlich.
Der Riss im Stoffwechsel
John Bellamy Foster hat Marx' Ökologie aus dessen naturwissenschaftlichen Studien rekonstruiert. Marx verfolgte die Forschung seiner Zeit genau und übertrug den biologischen Begriff des Stoffwechsels in seiner Kritik der politischen Ökonomie auf Gesellschaften.[4]
Gesellschaften befinden sich nach Marx in einem Stoffwechselprozess mit der Natur. Arbeit ist für ihn der Prozess, in dem der Mensch den Stoffwechsel mit der Natur »vermittelt, regelt und kontrolliert«.[5] Dieser Stoffwechsel hat zwei aufeinander verwiesene Seiten. Naturkreisläufe wie der Nährstoffkreislauf besitzen einen eigenen Stoffwechsel, der unabhängig von menschlichen Gesellschaften abläuft und ihre Regeneration trägt.[6] Zugleich bringt jede Produktionsweise eine eigene ›sozialmetabolische Ordnung‹ hervor, die den Austausch zwischen Gesellschaft und Ökosystemen prägt.[7]
Die sozialmetabolische Ordnung des Kapitals steht unter dem Zwang zur Akkumulation: Das Kapital kann nicht stillstehen und erkennt keine Grenzen an, weder soziale noch natürliche.[8] Durch seine Lektüre von Justus von Liebig versuchte Marx die ökologische Bedeutung davon zu verstehen. Der Chemiker kritisierte die moderne Landwirtschaft als Raubbau, der den Böden mehr Nährstoffe entzieht, als er zurückgibt, und warnte vor der Erschöpfung der europäischen Böden.[9] Marx baute diese Kritik in seine Kritik des Kapitalismus ein. Die industrialisierte Landwirtschaft und die wachsenden Städte trennen die Produzent*innen vom Boden. Nährstoffe, die Menschen in Form von Nahrung und Kleidung verbrauchen, kehren nicht auf die Felder zurück, sondern gelangen als Abwasser in die Städte und Flüsse, wo die Cholera grassiert.[10]
Der Riss im Stoffwechsel lässt sich zwar verlagern, aber unter den Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise nicht schließen. Kunstdünger gleicht die Erschöpfung aus und erzeugt neue Probleme, von belasteten Gewässern bis zu sinkenden Wasserspiegeln.[11] Über den Weltmarkt wird die Erschöpfung exportiert. So verfolgen Clark und Foster etwa am Handel mit Guano und Salpeter, wie sich die kapitalistischen Zentren die Bodenkraft der Peripherie aneignen, und sprechen von ›ökologischem Imperialismus‹.[12]
Für Marx folgt aus diesem Riss im Stoffwechsel ein wichtiges Kriterium für eine Produktion nach dem Kapitalismus: Eine befreite Gesellschaft müsse den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur systematisch wiederherstellen und als regelndes Gesetz ihrer Produktion behandeln.[13]
[Die kapitalistische Produktion stört] den Stoffwechsel zwischen Mensch und Erde, d.h. die Rückkehr der vom Menschen in der Form von Nahrungs- und Kleidungsmitteln vernutzten Bodenbestandteile zum Boden, also die ewige Naturbedingung dauernder Bodenfruchtbarkeit. Sie zerstört damit zugleich die physische Gesundheit der Stadtarbeiter und das geistige Leben der Landarbeiter.
Das Lebensnetz
Für Jason Moore ist der Kapitalismus kein Wirtschafts- oder Sozialsystem, sondern eine Weise, Natur zu organisieren.[14] Was wir Gesellschaft und Natur nennen, hält Moore für ›herrschende Abstraktionen‹, entstanden im langen 16. Jahrhundert zusammen mit der ursprünglichen Akkumulation. René Descartes trennte denkende und ausgedehnte Substanz; die herrschenden Klassen wiesen Frauen, Kolonisierte und Versklavte der ausgedehnten Substanz zu, also der Natur, und machten sie so beherrschbar und billig.[15] Die Trennung von Gesellschaft und Natur beschreibe die Welt demnach nicht, sondern sei ein Herrschaftsinstrument, das Enteignung, Kolonisierung und Abwertung organisiere.[16]
Moores Gegenentwurf heißt Welt-Ökologie. Der Kapitalismus ist Teil des ›Lebensnetzes‹ (›Web of Life‹), koproduziert von menschlichen und außermenschlichen Naturen. Er arbeite durch die Natur hindurch, wie die Natur durch ihn arbeite. Diese doppelte Bewegung nennt Moore ›doppelte Internalität‹ (›double internality‹).[17] Das Verhältnis, in dem Arten Lebensräume erzeugen und Lebensräume Arten, fasst er mit dem Begriff des ›Oikeios‹.[18]
Auch das Wertgesetz liest Moore von hier aus neu. Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit werde nicht allein in der klassischen ›Arbeitswelt‹ – bzw. in der ›Produktion‹ – bestimmt. In sie gehe unbezahlte Arbeit ein: die Reproduktionsarbeit in den Haushalten, die Subsistenzproduktion halbproletarisierter Familien und die ›Arbeit‹ außermenschlicher Naturen, vom Wasserfall bis zur Bodenfruchtbarkeit.[19] Bezahlte Arbeit werde ausgebeutet, unbezahlte Arbeit von Mensch und Natur angeeignet.[20] Das Wertgesetz des Kapitalismus sei deshalb ein Gesetz der ›Billigen Natur‹. Verbilligung ist eine Strategie des Kapitals, ein gewaltsames Vorgehen, das Arbeit jeder Art, menschliche wie außermenschliche, so gering wie möglich entlohne.[21] Verschiedene billige Dinge tragen die Akkumulation: Arbeitskraft, Nahrung, Energie und Rohstoffe.[22] Die Krise des Kapitalismus beginne dort, wo die billigen Naturen ausgehen und die Kosten von Produktion und Extraktion steigen.[23]
Der Kapitalismus ist nicht nur Teil einer Ökologie, er ist eine Ökologie – ein Bündel von Beziehungen, in dem Macht, Kapital und Natur miteinander verflochten sind.
Ein Satz, zwei Stoffwechsel
Im dritten Band von Das Kapital beschreibt Marx, wie das große Grundeigentum die Landbevölkerung auf ein Minimum reduziert und ihr eine wachsende, in großen Städten zusammengedrängte Industriebevölkerung entgegensetzt. Daraus entstehen Bedingungen, die einen »unheilbaren Riß« [24] im Stoffwechsel hervorrufen. Moore und Foster streiten darüber, ob hier von einem oder von zwei Stoffwechseln die Rede ist, und ob der Riss ein realer Bruch ist oder ein Bild, das den Prozess verfehlt.
Im Englischen gibt es zwei Fassungen der Stelle. Die eine spricht von einem einzigen »interdependent process of social metabolism« und auf diesen Wortlaut stützt sich Moores Lesart eines ungeteilten Stoffwechsels. Die andere unterscheidet »social metabolism and natural metabolism« und trennt damit, was die erste zusammenzieht. Da Marx im Deutschen den Genitiv nutzt, sind prinzipiell beide Übersetzungen zulässig.
Schlagabtausch
Auch der japanische Ökosozialist Kohei Saito verteidigt das Konzept eines Risses im Stoffwechsel. Sein Argument setzt bei Marx' Methode an, der Unterscheidung von Stoff und Form. Der Wert ist eine rein gesellschaftliche Form, in die »kein Atom« Naturstoff eingeht. Trotzdem gewinnt diese gesellschaftliche Form Macht über den stofflichen Produktionsprozess. Wo die kapitalistische Produktionsweise die ganze Gesellschaft erfasst, unterwirft die Wertlogik den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur ihrer Verwertung und erzeugt darin Spannungen, ohne Rücksicht auf natürliche Grenzen.[31] Der Riss im Stoffwechsel, so Saito, lässt sich aus Marx' Werttheorie ableiten.[32]
Der Dualismus bei Marx ist für Saito also kein ontologischer, der Gesellschaft und Natur als getrennte Substanzen behandelt. Er ist methodisch und im Kern eine Kritik der Verdinglichung. Die gesellschaftliche Form gewinne in der Realität eine eigene Macht und werde damit zum eigenständigen Gegenstand der Analyse.[33] In der Wirklichkeit sind das Soziale und Natur krass verflochten, eine ›unberührte Natur‹ existiere nicht mehr. Analytisch müssten beide trotzdem unterschieden werden, weil der Theorie sonst die historische Besonderheit kapitalistischer Produktion und ihr Widerspruch zu den stofflichen Bedingungen nachhaltiger Produktion entgehe. Aus Saitos Sicht richtet sich Moore also gegen einen Strohmann.[34]
Hinter der Debatte steht eine politisch-strategische Frage. Aus Sicht des Lagers um Foster gibt Marx uns einen Maßstab für eine Welt nach dem Kapitalismus an die Hand. Eine sozialistische Gesellschaft müsse demnach den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur systematisch wiederherstellen. In der irrationalen Zerstörung der Natur und der Erfahrung der Entfremdung liegt damit zugleich die Chance einer neuen revolutionären Subjektivität.[35][36] Für die ›Welt-Ökologie‹ muss die Kritik vorher beginnen, nämlich bei den herrschenden Abstraktionen selbst. Solange unser politisches Denken in der Entweder-oder-Ordnung des Kapitalismus gefangen bleibt, scheitere jeder Versuch, einen nachhaltigen Ausweg zu suchen.[37] Der Klassenkampf wird so erweitert zu einem Kampf im ›Lebensnetz‹ (›Web of Life‹), in dem Proletariat und ausgebeutete Natur – als ein gemeinsames ›Biotariat‹ –, die für das Kapital arbeitende menschliche wie außermenschliche Natur, eine welthistorische Einheit bilden.[38] Ob politische Ökologie den Riss reparieren oder die Trennung selbst abbauen will, entscheidet mit darüber, wen sie als Subjekt anspricht und was als Erfolg zählt.