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Sind wir zu teuer? Sozialstaatsdebatte.

Die aktuellen Debatten um Kapitalrente, Pflegekürzung und Attestpflicht drehen sich um die Vorstellung, dass Deutschland sich den Sozialstaat nicht mehr leisten könne. Wie so oft, steckt in den Zahlen eine andere Geschichte. Wirklich relevant ist aber nicht, ob es stimmt, sondern was es über unsere kapitalistische Gesellschaft verrät.

Begründet werden die Reformen vor allem mit der alternden Gesellschaft und dem internationalen Wettbewerbsdruck.
Sozialleistungsquote und Umlageverfahren

Die Sozialleistungsquote setzt die gesamten Sozialausgaben eines Jahres ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, dem Bruttoinlandsprodukt. An ihr hängt sich der Eindruck vom ›zu teuren‹ Sozialstaat auf. Das Umlageverfahren ist das Finanzierungsprinzip der Sozialversicherungen. Die Beiträge der heute Beschäftigten fließen direkt an die heutigen Rentner*innen, Kranken und Erwerbslosen. Es wird innerhalb der laufenden Lohnsumme umverteilt.

Explodiert der Sozialstaat?

Bleibt die Demografie. Wenn immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren müssten, führe das zu Problemen. Merz spricht von reiner Mathematik. Der wahre Kern ist, dass aktuell die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und weniger Kinder geboren werden.

Wer hat die Kassen in ihre Lage gebracht?

Die Politik antwortet auf die selbst erzeugte Lage mit der gesetzlichen Kapitalrente.
Die gesetzliche Kapitalrente

Zusätzlich zum Rentenbeitrag von 18,6 Prozent zahlen Beschäftigte und Arbeitgeber ab 2028 schrittweise bis zu zwei Prozentpunkte in individuelle Kapitalkonten. Ein Staatsfonds legt das Geld am Kapitalmarkt an. Parallel greift wieder der Nachhaltigkeitsfaktor, der das Niveau der Umlagerente in den kommenden Jahren um rund drei Punkte senkt. Die Kapitalerträge sollen diese Lücke ausgleichen.

Geld für Arbeit, Geld fürs Leben

Entscheidend ist aber weniger, ob wir ›dem Sozialstaat zu teuer‹ werden, sondern warum solche Probleme überhaupt entstehen. In einer Gesellschaft mit geschichtlich beispielloser Produktivität hängt die Existenz der großen Mehrheit an einem Einkommen, das gar nicht darauf ausgelegt ist, für ein ganzes Leben zu reichen.
Die Lohnabhängigen tauchen in dieser Rechnung als Ressource des Standorts vor, die man in einem Wettbewerb einsetzt, den nicht sie führt und dessen Erträge nicht ihr gehören. Geht es dem Standort schlecht, wird Druck auf sie ausgeübt. In jedem Fall sind sie die abhängige Variable gegenüber dem Erfolg des nationalen Kapitals.

Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; [...]

-- Karl Marx, Das Kapital, Bd. 3