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Fanon, halb gelesen

Frantz Fanon, der algerische Befreiungskrieg und die Frage, wofür gekämpft wurde.

Fanon schreibt hier als Arzt, dass die Krankheit seiner Patient*innen in den Verhältnissen wurzelt und dass die Klinik an deren Ursachen nicht herankommt. Die Kolonialverwaltung antwortete mit einem Ausweisungsbescheid. Fanon ging nach Tunis und arbeitete von da an für die Nationale Befreiungsfront Algeriens, die FLN.
Fünf Jahre später, 1961, schrieb er in zehn Wochen Die Verdammten dieser Erde. Zu der Zeit hatte er Leukämie und wusste, dass er sterben würde. Am 6. Dezember 1961 starb er in New York, wenige Tage nachdem das Buch erschienen war. Die algerische Unabhängigkeit im Juli 1962 erlebte er nicht mehr.
Nun ist ein Buch von 1961 über einen Krieg, der 1954 begonnen hat, erst einmal ein historischer Gegenstand, und es spricht einiges dafür, stattdessen etwas über die Gegenwart zu lesen. In seinem Buch findet sich aber auch eine Frage, die jede Bewegung einholt, wenn sie gewinnt: Wer verfügt danach über das Erkämpfte?

Sieben Jahre Krieg

Ein Buch für die Kolonisierten

Der Titel des Buches kommt aus der ersten Zeile der Internationale, »Wacht auf, Verdammte dieser Erde«. Fanon schrieb für die Kolonisierten, die sich organisieren sollten. Andreas Eckert nennt es »halb sozialpsychologische Analyse des Kolonialismus, halb politische Kampfschrift«. Es avancierte, so Eckert, »zu einem zentralen Erweckungstext der antikolonialen Linken in vielen Teilen der Welt«. Auf dem Klappentext der Suhrkamp-Ausgabe steht ein Satz des Süddeutschen Rundfunks: »man hat es das ›kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution‹ genannt«.

Eine Welt in Abteilen

Fanon spricht also darüber, wie weit die Gegenseite zu gehen bereit ist. Algerien war damals das beste Beispiel dafür. Frankreich hat erst verhandelt, nachdem sieben Jahre Krieg die militärische Kontrolle politisch wertlos gemacht hatten.

Der Kolonialismus ist keine Denkmaschine, kein vernunftbegabter Körper. Er ist die Gewalt im Naturzustand und kann sich nur einer noch größeren Gewalt beugen.

Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde

Erfindung der Gewaltlosigkeit

Wer über Gewalt urteilt

Ob Widerstand als legitim gilt, hängt auch von der Position derer ab, die urteilen. Wirtschaftlicher Zwang und staatliche Repression gelten als Normalzustand, der Widerstand dagegen als Gewalt. Die vorherrschenden Dokumente erinnern deswegen an Gandhi und an Martin Luther King, während die bewaffneten Befreiungskriege kaum darin vorkommen. Die Deutungshoheit liegt meist bei denjenigen, die von der bestehenden Ordnung profitieren.

Wofür eigentlich?

Die Unabhängigkeit ist für Fanon noch nicht das endgültige Ziel. Ob sich der Krieg gelohnt hat, entscheidet erst, was danach kommt.

Die kapitalistische Ausbeutung, die Trusts und die Monopole sind die Feinde der unterentwickelten Länder. Die Wahl eines sozialistischen Regimes, das sich an die Gesamtheit des Volkes wendet und das auf dem Prinzip beruht, daß der Mensch das kostbarste Gut ist, wird es uns ermöglichen, schneller und einträchtiger voranzuschreiten.

Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde
Wer das Ziel so bestimmt, muss auch sagen, was als Mittel nicht taugt. Das war Gegenstand von Fanons Streit mit der Négritude. Die Bewegung um Aimé Césaire, seinen früheren Lehrer, besetzte das Schwarzsein positiv und verteidigte das afrikanische kulturelle Erbe dagegen, dass der Kolonialismus es herabwürdigte.
Nationale Bourgeoisie

Fanon meint mit ›nationale Bourgeoisie‹ die einheimische besitzende und gebildete Schicht der Kolonie: Händler*innen, Anwält*innen, Ärzt*innen, höhere Beamt*innen, kleine Unternehmer*innen. Chris Newlove hat darauf hingewiesen, dass Fanon sie ausdrücklich der Bourgeoisie des Kommunistischen Manifests gegenüberstellt, die Industrien aufbaute und Märkte erschloss. Ihr koloniales Gegenstück hat dagegen weder Kapital noch Industrie. Macht hat es bloß daher, dass es zwischen dem ausländischen Kapital und der eigenen Bevölkerung sitzt: »Die nationale Bourgeoisie ist von Anfang an auf Vermittlungstätigkeiten ausgerichtet.«

Klasse, die den Sieg einkassiert

Praxis

Fanon hat als Botschafter der algerischen Exilregierung in Accra aus der Nähe gesehen, was aus den ersten Unabhängigkeiten wurde, und er wusste, dass Algerien dieselbe Strecke noch vor sich hatte.

Wo Fanon irrt